
Ausgabe: Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. München, 1983, 2017. (Piper Verlag, 54., mit einem Nachwort versehene Auflage)
Anzahl der Seiten: 355
Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):
„Die Entdeckung der Langsamkeit“ erzählt die Lebensgeschichte des englischen Seefahrers John Franklin. Diese ist zu einem großen Teil an die Biografie des realen Vorbildes angelehnt, teilweise aber auch fiktiv. Vor allem der Charakter des Protagonisten, welcher in seinem Denken und Handeln vermeintlich langsamer ist, als andere, ist eine Erfindung des Autors.
Das Werk ist in drei Teile aufgeteilt. Erzählt wird chronologisch zuerst von John Franklins Kindheit und Jugend, anschließend von seinen Erfahrungen in der Kriegsmarine und zuletzt von seinem Leben als Offizier und Entdecker.
John Franklin wird bereits in seiner Kindheit im kleinen englischen Dorf Spilsby für seine Langsamkeit verspottet. Er beschließt schon früh, zur See zu fahren und verliert diesen Wunsch nicht aus den Augen. Nach der Schule kann er endlich seinen Traum weiter verfolgen und schließt sich der Kriegsmarine an, wo er bei Kopenhagen seine erste Schlacht erlebt. Auch der Krieg zwischen England und Frankreich wird mehrmals thematisiert.
Es folgen weitere Reisen zum Kap der guten Hoffnung, nach Australien und Asien. Nach Kriegsende kehrt John zurück nach Hause wo er Schwierigkeiten hat, Arbeit zu finden. Allerdings hat er schon länger den Wunsch, die Nordwestpassage zu finden und reist schon bald zum ersten Mal als Kommandant zum Nordpol. Ohne Erfolg.
Die nächste Reise führt ihn nach Kanada als Befehlshaber einer Expedition. Hier verbringt er mit seiner Truppe einige Zeit bei einem Indianerstamm und später bei einem Inuitvolk. Die Expedition gestaltet sich jedoch zunehmend schwierig – es gibt nichts zu essen und die bittere Kälte setzt den Männern zu. Einige kehren nicht mehr lebend zurück. John Franklin verarbeitet die Erlebnisse der Reise in einem Buch, was ihm zu großem Ruhm und öffentlichem Interesse verhilft. Außerdem heiratet er und wird bald darauf Vater. Seine Frau stirbt jedoch recht früh, während seiner zweiten Kanadareise und er heiratet deren Freundin. Die beiden reisen zur Kolonie Van Diemens Land in Australien, wo John Franklin als Gouverneur eingesetzt wird. Hierbei ergeben sich jedoch diverse Probleme, weshalb er bald wieder abberufen wird und nach London zurückkehrt.
Schließlich tritt er seine letzte Reise an, wieder mit dem Ziel, die Nordwestpassage zu finden. Dabei erleidet er zwei Schlaganfälle, die ihn das Leben kosten und auch der Rest der Mannschaft lässt sein Leben bei der Reise. Als die Schiffe nicht zurückkehren, setzt John Franklins Witwe alles daran, um aufzuklären, wo die Schiffe sind und was passiert ist, wobei sie viele Anhänger rekrutieren kann und für ihr Engagement bei der Suche nach ihrem Mann sehr viel Ruhm erntet.
Leseeindrücke:
Ich bin immer ein großer Fan von Biografien und anderen Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Die Lebensgeschichte des Seefahrers John Franklin ist definitiv ein dankbares Thema und eignet sich sehr gut für eine Umsetzung als Roman. Die Liebe und Faszination des Autors Sten Nadolny für sein Erzählsubjekt, von der er im Nachwort des Romans berichtet, werden eindeutig erkennbar beim Lesen.
Der Protagonist erscheint in jeder Situation sympathisch und nahbar. Es ist genau diese, seine ,,Schwäche“, die ihn so erscheinen lässt und es ist berührend zu lesen, wie das vermeintliche Handicap seiner größten Stärke wird. Die Langsamkeit John Franklins, die ihn in vielerlei Hinsicht benachteiligt erscheinen lässt und seinem Umfeld Anlass für Hänseleien gibt, ist es, die ihn zu dem erfolgreichen Seefahrer, Anführer und Entdecker macht, der er ist. Er ist anders, als alle anderen und gerade das bringt ihn im Leben so weit. In diesem Punkt hat mich das Buch oft an den Film ,,Forrest Gump“ erinnert. Beide Biografien (fiktiv oder nicht) zeigen einen Protagonisten, der durch sein Anderssein auffällt und dessen Schwächen schließlich zu seinen Stärken werden.
Es zog ihn zum Pol, unbedingt, aber nicht, weil er von dort her alles neu anfangen wollte. Es hatte ja schon angefangen! Das Ziel war wichtig gewesen, um den Weg zu erreichen. Den hatte er nun, auf dem ging er, und der Pol wurde wieder zum geographischen Begriff. Er hatte nur die Sehnsucht, unterwegs zu bleiben, genau wie jetzt, auf Entdeckungsreise, bis das Leben vorbei war.
Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit, S.197
Geduld, Beharrlichkeit und überlegtes Handeln sind es hier, die mehr bewirken, als Schnelligkeit und Impulsivität. Eine sehr schöne Moral, wie ich finde. Denn nicht nur den Menschen in John Franklins Umfeld fehlt diese Langsamkeit, auch die Welt scheint sich schneller zu drehen. Alles wird hektischer im London zur Zeit der Industrialisierung. Technischer Fortschritt, höher, schneller, weiter… auch dies wird im Buch thematisiert und ist problemlos auch auf die heutige Zeit übertragbar. Insofern ist „Die Entdeckung der Langsamkeit“ etwas, was auch uns Lesern manchmal nicht schaden würde.
Die Geschichte ist nicht nur aufgrund ihrer Nähe zur realen Biografie John Franklins äußerst informativ, sondern auch in Bezug auf die Seefahrt, die Geografie und die Lebensweise der Zeit, in der sie spielt. Informativ und sehr gut recherchiert. Es kommen zudem viele Personen vor, die es wirklich gegeben hat.
Allerdings muss ich auch zugeben, dass mir das Lesen nicht immer leicht fiel, auch wenn Thema und Geschichte an sich interessant sind. Ich bin ziemlich oft abgedriftet und musste mich motivieren, dran zu bleiben. Die distanzierte, recht nüchterne Schreibweise ist zwar auch insofern positiv, dass nicht nur John Franklins Sicht dargelegt wird, aber sie erleichtert das Lesen nicht unbedingt. Es gibt definitiv spannende Stellen im Buch, aber man muss Geduld mitbringen. Für mich war jedenfalls der fesselndste Teil die erste Expedition nach Kanada.
Das Ende selbst ist etwas düster, aber auch noch einmal ergreifend, wenn Johns Witwe alles in Bewegung setzt, um ihn und die restliche Besatzung zu finden. Hierin steckt für mich auch ein feministischer Aspekt, bei ansonsten sehr viel männlichen Akteuren.
Passend zu Halloween lese ich derzeit Bram Stokers ,,Dracula“, wovon der nächste Post handeln wird.
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