Hervorgehoben

Die Liste

Deutschland, Österreich und Schweiz:

AutorTitelJahrGelesen?
1Sophie von la RocheDie Geschichte des Fräuleins von Sternheim1771
2Friedrich SchillerDie Räuber1782
3Friedrich SchillerKabale und Liebe1784
4Friedrich SchillerMaria Stuart1800
5J.W. Von GoetheWahlverwandtschaften1809
6E.T.A HoffmannDer Sandmann1816
7E.T.A HoffmannDas Fräulein von Scuderi1819
8Joseph von EichendorffAus dem Leben eines Taugenichts1826
9Georg BüchnerLeonce und Lena1836
10Theodor FontaneFrau Jenny Treibel1892
11Theodor FontaneEffi Briest1894
12Frank WedekindLulu1898
13Thomas MannDer Tod in Venedig1911
14KafkaDie Verwandlung1915
15Thomas MannDer Zauberberg1924
16KafkaDer Prozess1925
17Arthur SchnitzlerTraumnovelle1925
18Bertolt BrechtDie Dreigroschenoper1928
19Alfred DöblinBerlin Alexanderplatz1929
20Erich Maria RemarqueIm Westen nichts Neues1929
21Stefan ZweigSchachnovelle1941
22Martin SuterDer Koch2010X
23Friedrich DürrenmattDie Panne1957
24Max FrischHomo Faber1957X
25Günter GrassDie Blechtrommel 1959
26Marlen HaushoferDie Wand1963
27Max FrischMein Name sei Gantenbein1964
28Doris DörrieBin ich schön?1969
29Ingeborg BachmannMalina1971
30Elfriede JelinekDie Liebhaberinnen1975
31Michael EndeDie unendliche Geschichte1979X
32Sten NadolnyDie Entdeckung der Langsamkeit1983X
33Christian KrachtFaserland1995
34Waris DirieWüstenblume1998
35Andreas SteinhöfelDie Mitte der Welt 1998
36Frank SchätzingDer Schwarm2004
37Daniel KehlmannDie Vermessung der Welt 2005
38Herta MüllerAtemschaukel2009

Vereinigtes Königreich: 

39ShakespeareEin Sommernachtstraum1605
40ShakespeareHamlet1609
41John MiltonParadise Lost1667
42Jonathan SwiftGullivers Reisen1726
43Jane AustenStolz und Vorurteil1813
44Jane AustenEmma1816
45Mary ShelleyFrankenstein1823
46Charles DickensOliver Twist1837
47Charles DickensEine Weihnachtsgeschichte1843X
48Charlotte BronteJane Eyre1847
49Emily BronteSturmhöhe1847
50Charles DickensDavid Copperfield1850
51Lewis CarrollAlice im Wunderland1865
52Robert L. StevensonDie Schatzinsel1882
53Oscar WildeDas Bildnis des Dorian Gray1890
54Arthur Conan DoyleDie Abenteuer des Sherlock Holmes1892
55Oscar Wilde The importance of being Earnest1895
56Bram StokerDracula1897X
57H.G WellsDer Krieg der Welten1898
58Oscar WildeEin idealer Gatte1899
59Arthur Conan DoyleDer Hund von Baskerville1902
60Joseph ConradHerz der Finsternis1902
61Frances Hodgson BurnettDer geheime Garten1911
62Edgar Allan PoePhantastische Erzählungen1914
63Virginia WoolfeOrlando1928
64Robert Louis StevensonDr.Jekyll und Mr. Hyde1931
65Agatha ChristieMord im Orientexpress1934
66George Orwell19841949
67Doris LessingDas goldene Notizbuch1962
68Anthony BurgessUhrwerk Orange1962
69Douglas AdamsPer Anhalter durch die Galaxie1979
70Salman RushdieMitternachtskinder1981
71Salman RushdieDie satanischen Verse1988
72Ian McEwanAbbitte2001

Amerika:

73Herman MelvilleMoby Dick1851
74Jack LondonDer Ruf der Wildnis1903
75James JoyceUlysses1922
76F. Scott FitzgeraldDer grosse Gatsby1925X
77William FaulknerAls ich im Sterben lag1930
78Aldous HuxleySchöne neue Welt1932
79John SteinbeckFrüchte des Zorns1939
80Raymond ChandlerDer große Schlaf1939
81Ernest HemingwayWem die Stunde schlägt1940
82Patricia HighsmithZwei Fremde im Zug1950
83J.D SalingerDer Fänger im Roggen1951
84Ray BradburyFahrenheit 4511953
85James BaldwinVon dieser Welt1953
86Jack KerouacUnterwegs1957
87William BurroughsNaked Lunch1959
88Harper LeeWem die Nachtigall singt1960
89John UpdikeHasenherz1960
90Ken KeseyEiner flog über das Kuckucksnest1962
91Edward AlbeeWer hat Angst vor Virginia Woolfe1962
92Kurt VonnegutSchlachthof 51969
93Maya AngelouIch weiß, warum der gefangene Vogel singt1969
94Charles BukowskiDer Mann mit der Ledertasche1971
95John IrvingHotel New Hampshire1981
96Alice WalkerDie Farbe Lila1982
97Stephen KingFriedhof der Kuscheltiere1983
98Margaret AtwoodReport der Magd1985
99Noah GordonDer Medicus1986X
100James EllroyDie schwarze Dahlie1987
101Tom WolfeFegefeuer der Eitelkeiten1987
102Bret Easton EllisAmerican Psycho1991
103John GrishamDie Firma1991
104David GutersonSchnee, der auf Zedern fällt1994X
105Donna W. CrossDie Päpstin1996
106David Foster WallaceUnendlicher Spaß1996
107Arthur GoldenDie Geisha1997X
108Dan BrownDer Da Vinci Code2000
109Phillip RothDer menschliche Makel2000
110Pearl S. BuckDie Welt voller Wunder2013

Frankreich:

111MolièreDer eingebildete Kranke1673
112VoltaireCandide oder der Optimismus1759
113Marquis de SadeDie 120 Tage von Sodom1785
114Victor HugoDer Glöckner von Notre Dame1831
115Alexandre DumasDie drei Musketiere1844
116Alexandre DumasDer Graf von Monte Christo1844
117Gustave FlaubertMadame Bovary1856
118Victor HugoDie Elenden1862
119Jules VerneReise zum Mittelpunkt der Erde1864
120Jules VerneZwanzigtausend Meilen unter dem Meer1870
121Emile ZolaNana1880X
122Louis-Ferdinand CélineReise ans Ende der Nacht1932
123Albert CamusDie Pest1947
124Simone de BeauvoirDas andere Geschlecht1949
125Samuel BeckettWarten auf Godot1953
126Michel HouellebecqElementarteilchen2006

Russland:

127Alexander PuschkinEugen Onegin1833
128DostojewskiSchuld und Sühne1866
129Leo TolstoiKrieg und Frieden1869
130DostojewskiDer Idiot1869
131Anton TschechowDie Möwe1869
132Leo TolstoiAnna Karenina1877
133DostojewskiDie Brüder Karamasow1880
134Boris PasternakDr. Schiwago1957

Lateinamerika:

135Jorge Luis BorgesFiktionen1944
136Gabriel Garcia MarquezHundert Jahre Einsamkeit1967
137Isabel AllendeDas Geisterhaus1982
138Gabriel Garcia MarquezDie Liebe in Zeiten der Cholera1985
139Paulo CoelhoDer Alchimist1988X
140Mario Vargas LlosaDas böse Mädchen2006

Weitere:

141HomerIllias8. Jh. v. Chr.
142HomerOdyssee8. Jh. v. Chr.
143OvidMetamorphosen8 n. Chr.
144Tausend und eine Nacht1704 (europäische Übertragung)
145Hans Christian AndersenDie Schneekönigin1844x
146Henrik IbsenNora oder ein Puppenheim1879
147Umberto EcoDer Name der Rose1980
148Milan KunderaDie unerträgliche Leichtigkeit des Seins1984
149Haruki MurakamiNaokos Lächeln1987
150Stieg LarssonVerblendung2005

13. Michael Ende – Die unendliche Geschichte (1979)

Foto: Tamara Draisbach

Ausgabe: Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Stuttgart, 1979.

Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):

Bastian Balthasar Bux ist ein pummeliger, blasser und unsportlicher Junge von zehn oder elf Jahren. Seine Mutter ist vor einiger Zeit verstorben und sein Vater seitdem freudlos und distanziert. Auf dem Weg zur Schule wird er von ein paar Mitschülern verfolgt und rettet sich kurzerhand in eine Buchhandlung. Dort entdeckt er ein Buch, welches eine ungewöhnliche Wirkung auf ihn hat und nimmt es heimlich mit. Mit dem Buch, das den Titel Die unendliche Geschichte trägt, versteckt er sich auf dem Dachboden seiner Schule und beginnt zu lesen. Wir als Lesende tauchen nun mit Bastian in die Handlung des Buches ein. Dort machen sich gerade unterschiedliche Wesen des Reiches Phantásien auf den Weg zu einer Konferenz, denn ihre Herrscherin, die kindliche Kaiserin ist erkrankt und zugleich breitet sich ein mysteriöses Nichts im Land aus. Um eine Heilung für die kindliche Kaiserin zu finden, wird Atréju, ein Junge vom Stamm der Grünhäute ausgesandt. Bei sich trägt er das Zeichen der Kindlichen Kaiserin Auryn, das ihm eine besondere Autorität und Macht unter den Wesen Phantásiens verleiht. Seine Reise führt ihn an verschiedene Orte und er lernt den Glücksdrachen Fuchur kennen, welcher von dort an sein ständiger Begleiter wird. Beim Besuch eines Orakels erfährt Atréju, dass die kindliche Kaiserin einen neuen Namen braucht, den ihr nur ein Menschenkind geben kann. Dieses Menschenkind ist der kleine Bastian, der noch immer auf dem Schuldachboden sitzt und liest. Er traut sich aufgrund seiner äußeren Erscheinung und seines Mangels an heldenhaften Eigenschaften nicht, nach Phantásien zu kommen. Schließlich besinnt er sich, ruft den Namen der kindlichen Kaiserin Mondenkind und gelangt dadurch nach Phantásien. Allerdings ist er dort nicht mehr der pummelige und unsportliche Junge, sondern hat das Äußere eines edlen Prinzen. Mondenkind verschwindet und Bastian bekommt von ihr das Auryn übertragen. Das Medaillon trägt die Inschrift Tu, was du willst, was Bastian allerdings nicht zu deuten weiß. Durch das Wünschen kommt er von einem Ort und von einem Erlebnis zum anderen. So wünscht er sich Eigenschaften an wie Schönheit, Mut und Stärke. In der Silberstadt Amargánth trifft er schließlich auf Atréju und Fuchur und führt seine Reise mit ihnen zusammen fort. Doch seine neue Macht steigt ihm schnell zu Kopf und sein Charakter verdirbt allmählich. Zugleich vergisst er mit jedem sich erfüllenden Wunsch einen Teil seines früheren Lebens in der Menschenwelt und verliert sich immer mehr. Entgegen der Ratschläge Atréjus und Fuchurs wünscht er sich auch nicht, wieder in seine Welt zurückzukehren. Das ist aber notwendig, damit er die Menschenwelt und Phantásien wieder gesund machen kann. Bastian erliegt immer mehr seinem Größenwahn, möchte sogar den Kaiserthron erobern und führt schließlich Krieg gegen seine Freunde. Endlich folgt aber die Besinnung, als er in der Alten Kaiserstadt die Konsequenzen vorgeführt bekommt, die ihn erwarten, wenn er den Weg in seine Welt nicht zurückfindet. Darauf folgt eine einsame und stille Suche nach sich selbst, die ihn zu verschiedenen Orten führt, an denen er wiederum etwas Neues über sich lernt. So wird er im Änderhaus von der Dame Aiuóla bemuttert und findet in einem Bergstollen aus Bildern eine Erinnerung an seinen Vater wieder. Auch sein Wesen verändert sich: Er wird bescheidener und reflektiert sein Handeln. Als das Vorhaben in sein eigentliches Leben zurückzukehren bereits aussichtslos scheint, helfen ihm Atréju und Fuchur zu den Wassern des Lebens zu kommen, von wo aus er endlich den Weg zurück in seine Welt gehen kann. Dort schließt ihn sein vor Sorge kranker Vater in die Arme. 

Leseeindrücke:

Ich habe das Buch zufälligerweise zeitgleich mit meiner Schwester gelesen, sodass wir uns darüber austauschen konnten. Wir waren uns beide einig, dass uns der Roman auch als Kind sehr gut gefallen hätte, denn Ende hat hier eine unglaublich fantasievolle Welt voller wundersamer Kreaturen und Landschaften geschaffen. Zugleich ist die Erzählung durchaus komplex und dicht an interessanten Aspekten, Referenzen und philosophischen Ansätzen. Das macht sie auch für Erwachsene zu einer lohnenden Lektüre. Beispielsweise befinden wir als Leser uns auf einer Metaebene, während wir die Geschichte lesen, die wiederum von Bastian gelesen wird und sich unendlich fortschreibt. Auch ist die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, wie sie auf dem Zeichen Auryn zu sehen ist, ein altes ägyptisches und alchemistisches Symbol.[1]

Bastian wird in der Geschichte zum Schöpfer der Welt, wo er durch seine eigene Fantasie und Wunschkraft nach Belieben Wesen, Länder und Landschaften erschaffen sowie die Handlung durch sein Wünschen selbst mitbestimmen kann. Das geschieht auch über den Aspekt des Erzählens, das Ausdenken von Geschichten, was wiederum eine schöne Metapher für das fiktive Schreiben ist. „Die 26 Buchstaben des Alphabets bilden Wörter, die Wörter Sätze und aus ihren Kombinationen entstehe der unendliche Vorrat der Poesie. Als prototypische Geschichte aller Geschichten erzählt »Die unendliche Geschichte« das Herzstück jeder romantischen Poesie, die untrennbare Verbindung von Phantasie und Wirklichkeit“, schreibt Literaturwissenschaftler Hans Brittnacher.[2] Doch das Werk sei nicht allein ein „Pladoyer für die Flucht aus einer unwirklichen Realität in das gelobte Land der Phantasie“ und die Phantasie werden hier nicht als Allheilmittel propagiert. Vielmehr warne der Roman auch vor „der Verwechslung von Realität und Phantasie am Beispiel Bastians, der die Rückkehr aus seinen Träumen zu verpassen droht.“ Bastians Odyssee in der Welt Phantásiens sei zugleich eine leidvolle Queste, die ihm das Scheitern maßloser Phantasien vor Augen führe, wieder mit sich selbst versöhne und den Heimweg in die Wirklichkeit wiederfinden lasse.

„Nur ruhig, kleiner Narr“, knurrte der Werwolf, „sobald die Reihe an dich kommt, ins Nichts zu springen, wirst auch du ein willenloser und unkenntlicher Diener der Macht. Wer weiß, wozu du ihr nützen wirst. Vielleicht wird man mit deiner Hilfe Menschen dazu bringen, zu kaufen, was sie nicht brauchen, oder zu hassen, was sie nicht kennen, zu glauben, was sie gefügig macht, oder zu bezweifeln, was sie erretten könnte. Mit euch, kleiner Phantásier, werden in der Menschenwelt große Geschäfte gemacht, werden Kriege entfesselt, werden Weltreiche begründet…“

Ende: Die unendlicher Geschichte, S.144.

Wie der Avatar in einem Videospiel ist Bastian beim Eintritt ins Reich Phantásien ein nobler Prinz, der an Stärke und Mut seines gleichen sucht. Am Schluss der Geschichte ist er jedoch wieder Bastian und konnte seine Sehnsucht nach einer anderen Version seiner selbst überwinden und sich so annehmen, wie er ist. „Lektüre und Lebenserfahrung sollen Bastian zu einem Menschen reifen lassen, der sich und sein Schicksal annimmt, weil er die verhängnisvolle Trennung von Realität und Phantasie überwindet.“ So stelle sich das Happy-end nicht mehr durch den Beistand höherer Mächte her, sondern sei das Ergebnis einer leidvollen Erfahrungen abgewonnenen und in die Tat umgesetzten Erkenntnis.

Damit lässt sich Handlung leicht mit der eines Road-Trip-Movies vergleichen, gleichzeitig orientiere das Werk „an bedeutenden Mustern der abendländischen Literaturgeschichte (Odyssee, Ritteraventiure, Bildungsroman).“ 

In einer Zeit als „Wirtschafts- und Wachstumskrisen, die Zerstörung der natürlichen Umwelt und die Gefahren der Atomkraft werden immer sichtbarer“ wurden und „im Deutschland der 80er Jahre Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel“ gestiegen seien und „die Angst vor einem Krieg“ gewachsen sei suchten „immer mehr Menschen […] nach neuen Werten, Lebens- und Überlebensmöglichkeiten“, so Brittnacher. „Diese desolate Stimmung der Zeit ließ Michael Ende zum Propheten werden, zum Warner vor den bedrohlichen Folgen eines sich absolut setzenden rationalen Denkens, vor Seelenlosigkeit, Monotonie und Leistungsethik.“ Aus dieser Motivation ergebe sich in Die unendliche Geschichte die „Empfehlung, mit Selbstfindung, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung als vorbildlichen individuellen Lebensmustern die Schäden der Zivilisation zu beheben.“

Zur optischen Gestaltung lässt sich noch sagen, dass die Schrift je nach Erzählebene (ob in Bastians Welt oder in Phantásien) entweder rot oder grün gefärbt ist und dass jedes Kapitel chronologisch mit einem Anfangsbuchstaben aus dem Alphabet beginnt. Leider haben mir die Illustrationen in meiner Ausgabe weniger gut gefallen. Es gibt allerdings die Ausgabe von 2019, ebenfalls im Thienemann-Verlag erschienen, die bezaubernde Illustrationen von Sebastian Meschenmoser enthält.  

Meiner Meinung nach zu empfehlen sind auch Der Wunschpunsch und Momo.

[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ouroboros

[2] Dieses und weitere Zitate und Parapharasierungen entstammen dem Werk Hans Brittnacher: Vom Zauber des Schreckens. Studien zur Phantastik und zum Horror. Wetzlar, 1999.

Die Verfilmung:

Natürlich musste ich mir nach der Lektüre auch die (vor allem in den Staaten) populäre Verfilmung von 1984 anschauen. Diese deckt leider nur die erste Hälfte des Romans ab, die zweite Hälfte wird dann zum Teil in der Fortsetzung aufgegriffen. Das ist aber nicht der einzige auffallende Unterschied zum Roman. 

Zuerst einmal ist Bastian im Film kein pummeliger Außenseiter, sondern ein hübscher und schlanker kleiner Junge. Grundsätzlich fand ich die Kinderdarsteller, insbesondere Atréju aber passend besetzt. Des weiteren wurde die Handlung trotz deutscher Produktion in die Staaten verlegt. 

Der Autor selbst hat scharfe Kritik an der Verfilmung geübt und lange erfolglos versucht, diese zu stoppen.[1] Deshalb taucht auch sein Name nicht in den Credits auf. 

Mag die Technik des Filmes für damalige Verhältnisse noch beeindruckt haben, wirkt sie auf den heutigen Betrachter eher dürftig. Gleichzeitig entsteht durch die offensichtliche Künstlichkeit auch eine ganz eigene Ästhetik, wie sie vielen Fantasy-Filmen aus der Zeit zu eigen ist (vgl. auch DDR-Märchenverfilmungen). Diese entsteht neben der Artifizialität auch durch die langsameren Aufnahmen und Schnitte sowie die VistaVision-Farbgebung. Die Atmosphäre im Film gewinnt dadurch einen surrealistischen Charme. Es wäre sicher spannend, eine Neuverfilmung mit den heutigen technischen und filmischen Möglichkeiten zu sehen, aufgrund des Rechtsstreits wird es aber wohl in absehbarer Zeit eher kein Remake geben. 


[1] https://michaelende.de/autor/biographie/das-unendliche-filmdebakel

13 von 150 Büchern ✓

Exkurs: Ludwig Ganghofer: Der Kamerad des Frühlings (1920)

Foto: Tamara Draisbach

Liebe Leser_innen,

das erste Mal als ich dieses „moderne Ostermärchen“ gelesen habe, hat es mich bereits tief berührt. Und nun, vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs ist die Erzählung umso treffender und noch viel berührender. Sie schenkt ein kleines bisschen Hoffnung, lässt ein kleines bisschen vom Frieden und besseren Zeiten träumen und zeigt zugleich sehr bildhaft das wahre Gesicht des Krieges. Noch dazu finde ich die Allegorie und die Erzählweise literarisch wirklich gelungen. (Fast) pünktlich zum Frühlingsanfang wollte ich dieses, vielleicht nicht mehr ganz moderne, aber sehr aktuelle Ostermärchen mit euch teilen. Lasst mich gerne in den Kommentaren wissen, wie es euch gefallen hat und ob ihr vielleicht Erzählungen, Gedichte, Lieder etc. kennt, die euch in diesen Zeiten Mut machen.

Der Kamerad des Frühling. Ein modernes Ostermärchen 

Ein brausender Sturm war ihm voran geflogen, hatte die Bäume gezaust und die weiße Last von ihren Ästen geschüttelt, hatte mit Heulen die Dächer umfahren und den Schnee davon geweht. Dann hatte sich die Macht des Sturmes zu einem lauen, leisen Lüftchen gedämpft, und da wussten nun die Leute, dass er kommen würde. Mit leichten Sohlen stieg er, von Süden her, über den Grat des Gebirges, ein schöner Jüngling in wallendem Blondhaar. Einen blühenden Lilienstängel führte er als Wanderstab, sein Gewand war aus duftenden Blüten mit Sonnenstrahlen genäht, und wo er ging , da schmolz in weiter Runde der Schnee hinweg, es färbte sich der welke Rasen grün, die Blumen sprossen auf, um ihre Kelche summten die Bienen, die Blätter sprangen aus den Bäumen, und zwitschernd suchten sich in allen Büschen die verliebten Vögel.
Nun hatte er das ebene Land erreicht und wanderte singend die weiße Straße dahin. Erschrocken aber hielt er plötzlich inne, denn der holde Zauber, der von ihm ausging, schien jählings gebrochen. In weitem Umkreis sah er das Land verwüstet, den Rasen verkohlt, die Gesträuche nieder gestampft, die Bäume gefällt. Kein singender Vogel war zu hören, zwei schwarze Raben nur durchflatterten mit heiserem Krächzen die von Rauch und Dunst erfüllte Luft. Und inmitten dieser Verwüstung, auf dem qualmenden Schutte einer niedergebrannten Hütte, sah er einen riesengroßen Mann gelagert; ein blitzender Stahlhelm deckte das Haupt und die Stirne, ein brauner, blutbefleckter Mantel mit verbrannten Säumen verhüllte die Gestalt und das Gesicht, so dass allein die düster glühenden Augen zu sehen waren. Als der Unheimliche den schönen Jüngling erspähte, rief er ihm mit dröhnenden Worten zu: „Bist du der Frühling?“ „Ja, ich bin der Frühling,“ antwortete der Jüngling mit glockenweicher Stimme. 
„Weshalb nur säumtest du so lange?“ „Mich hielt der Eisriese gefangen; doch als ich die Osterglocken läuten hörte, hab ich meine Fesseln mit Gewalt gebrochen und meine frohe Fahrt begonnen. Wer aber bist du?“ „Ich bin der Krieg. Doch komm, ich habe nur auf dich gewartet. Unser Weg ist der gleiche, geh du voran, ich will dir folgen als dein Kamerad.“
Er sprang empor und schlug den Mantel auseinander. Bläuliches Erz umschloss den riesigen Leib, am Kettengürtel hing ein blitzendes Schwert und eine blutige Geißel, bleich und hager starrte das schreckliche Gesicht, Schlangen waren die Locken, die es umzingelten, und sein Bart war eine rote Flamme, die zur Erde züngelte. Knatternde Blitze fuhren aus den Schienen seines Panzers, Rauch qualmte unter seinen Sohlen hervor, und wo er stand, ging ein Regen von zahllosen Tropfen nieder, die sich zu rinnenden Bächen sammelten.
„Was sollen die Bäche, die ich zu deinen Füßen rinnen sehe?“
Es sind die Tränen, die um meinetwillen fließen.“ Schaudernd wandte sich der Frühling ab und schritt voran; er hörte, wie der Krieg ihm folgte mit Tritten, welche klirrten, wie fallendes Eisen und schleifende Ketten. Und wo der Frühling ging, da blühte im Glanz der Sonne das weite Land, um unter den Schritten des Krieges in Wüstenei sich zu verwandeln
So waren sie eine Weile gewandert, als der Frühling am Straßenrain ein junges Mädchen sitzen sah, das mit beiden Händen sein Gesicht verhüllte und bitterlich weinte. „Schließe deinen Mantel,“ sagte der Frühling zum Krieg, „vor deinem Anblick möchte das arme Kind zu Tod erschrecken!“ Dann ging er auf die Weinende zu und streute Blumen in ihren Schoß. Und als sie diese Gabe nicht achtete, frug er sie: „Warum weinest du?“
„Ich weine, weil ich so verlassen bin seit langen Jahren. Wie ich noch ein Kind war, hat der Krieg meinen Vater getötet, und meiner Mutter ist darüber das Herz gebrochen.“
Traurig blickte der Frühling dem Krieg in die glühenden Augen. „Willst du nicht umkehren? Rührt dieser Jammer nicht dein Herz?“ „Mein Herz ist Stein und Eisen,“ sagte der Krieg. „Den ganzen langen Winter hab‘ ich auf dich gewartet, nun will ich dir auch folgen.“ 
Sie wanderten weiter und kamen zu einem schmucken Dorf. Hart an der Straße stand die Kirche, an deren hohen Fenstern die Sonne sich spiegelte. Wundersame Glockenklänge schwebten vom Turm hernieder, die Orgel rauschte, und von hundert frommen Stimmen gesungen erscholl das heilige Osterlied vom Heiland, der aus Tod und Grab erstanden.
„Willst du nicht umkehren?“ bat mit sanften Worten der Frühling. „Beuge dich vor ihm, der den Menschen den Frieden und die Liebe brachte.“
„Mein Recht ist älter als das seine,“ murrte der Krieg, „denn ich wurde geboren, als Kain den Abel erschlug.“ Während sie noch sprachen, war die Messe zu Ende und die Leute strömten aus dem Tor der Kirche. „Verhülle dein Gesicht,“ so bat der Frühling seinen Begleiter. Und kaum das er gesprochen hatte, eilten schon die Burschen und Mädchen herbei; sie hatten gesehen, dass der Frühling gekommen war, und begrüßten den lang Erwarteten mit Tanz und Liedern. Der Frühling aber konnte sich ihres Jubels nicht von Herzen freuen, und dann auch schien es ihm, als klänge ihr Lachen nicht so frei und heiter, ihr Gesang nicht so hell und jubelnd wie sonst, wenn er zu kommen pflegte.
„Weshalb begrüßt Ihr,“ frug er sie, „mein Kommen in diesem Jahr mit so gedrückter Freude?“
„Weil bange Sorge auf unserm Herzen lastet,“ gaben sie zur Antwort, „und weil wir fürchten, dass du nicht allein kommst und dass ein böser Kamerad dir folgen wird.“
Da lachte der Krieg und ließ den Mantel fallen. Jählings verstummten die Lieder, im Tanz erstarrte jeder Fuß, ein gellender Wehschrei hallte von jeder Lippe, die Weiber umklammerten ihre Männer und Söhne, die Mädchen ihre Liebsten . . . der Krieg aber streckte die eherne Hand, riss die Schluchzenden auseinander, hauchte Tod und Vernichtung aus seinem Munde und schüttelte den Bart, dass Feuer auf alle Dächer flog.
Klagend eilte der Frühling von dannen, doch er hörte hinter sich den Schritt des Krieges, klirrend wie fallendes Eisen und rasselnd wie schleifende Ketten. So kamen sie in einen dunklen Wald. In diesem lag, dicht an der Straße, ein kleiner See mit klarem Spiegel. Quer über die Straße schien die Grenze eines Landes zu ziehen, denn ein in Streifen bemalter Schlagbaum sperrte den Weg.
„Geh‘ nur voran,“ sagte der Krieg und zog sein blitzendes Schwert, „dort drüben ist mein Ziel.“
„Willst du nicht umkehren?“ bat der Frühling. „Dort drüben liegt mein schönstes Land, darin ich am liebsten meinen Einzug halte! Soll ich es verwüstet sehen unter deinen Schritten? Sollen sie alle, die meiner in Sehnsucht harren, meinem Kommen fluchen, weil du mir folgst?“ „Verliere keine Zeit,“ murrte der Krieg, „sie wissen, dass ich komme.“
„Wie bist du schrecklich!“ sagte der Frühling. „Hast du schon einmal dein eignes Antlitz gesehen? Komm – ich will es dir zeigen.“ Er führte den Krieg dicht an den See heran und hieß ihn nieder blicken in das stille, tiefe Wasser. Und als der Krieg in dem glatten Spiegel nun sein grauenvolles Abbild sah, von Flammen umlodert und von Blut umronnen, erschrak er so heftig vor sich selbst, dass seiner Hand das Schwert entfiel. Zischend fuhr es in die Flut – doch als es schimmernd niedersank zur Tiefe, da zitterte durch die Lüfte ein wundersamer Laut – es war, als hätte die Erde freudig aufgeseufzt, jählings erlöst von banger Sorge. Wie zu Stein verwandelt kauerte der wehrlose Krieg am Ufer – der Frühling aber umwandelte singend den ganzen See, und hinter seinen Schritten stiegen Rosen in dichter Hecke aus dem Grunde, höher und höher wuchs die grüne, blühende Mauer und hielt den Krieg gefangen mit ihren Dornen. 
Sanft aus der Ferne tönten die Osterglocken, im Walde rauschten die Wipfel, und zwitschernd schwangen sich die kleinen Sänger von Zweig zu Zweig.
Singend zog der Frühling von dannen, das Land, in dem er Einzug hielt, mit Blüten überstreuend.

Ludwig Ganghofer: Der Kamerad des Frühlings (Ein modernes Ostermärchen). Berlin, 1920. Entnommen aus: Frohe Ostern. Ein literarischer Spaziergang. Frankfurt am Main, 2019.

12. David Guterson – Schnee, der auf Zedern fällt (1994)

Foto: Tamara Draisbach

Ausgabe: David Guterson: Schnee, der auf Zedern fällt. Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger. Berlin, 1998. 

Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):

Die fiktive amerikanische Insel San Piedro im Dezember 1954: Der japanischstämmige Kabuo Miyamoto muss sich vor Gericht für den Mord an seinem Fischerkollegen und Schulfreund Carl Heine verantworten. Dieser wurde im September desselben Jahres mit einer Wunde am Kopf in seinem Fischernetz aufgefunden. 

Journalist Ishmael Chambers, der die Inselzeitung „Island Review“ von seinem Vater übernommen hat, wohnt dem Prozess bei, um darüber zu berichten. Dort sieht er seine Jugendliebe Hatsue wieder, die nun mit dem Angeklagten verheiratet ist. Von da an wechselt die Handlung immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Man erfährt wie Ishmael und Hatsue als Kinder am Strand gespielt und sich geküsst haben, wie sie sich als Jugendliche heimlich in einer hohle Zeder im Wald getroffen haben und wie der Angriff auf Pearl Harbour und ihre kulturellen Unterschiede ihrer Liebe schließlich ein Ende bereiteten. Auch die Diskriminierung und Abschiebung der japanischen Inselbewohner wird thematisiert. Als Hatsue mit ihrer Familie deportiert wird schreibt sie Ishmael einen Brief, in dem sie erklärt, dass sie ihn nicht liebt und bricht ihm damit das Herz. In ihrer Unterkunft lernt sie schließlich Kabuo kennen, mit dem sie später verheiratet ist und zwei Kinder hat. Unterdessen zieht Ishmael in den Krieg, aus dem er traumatisiert und versehrt zurückkehrt. Den Verlust Hatsues konnte er, bis in die Gegenwart im Gerichtssaal, nicht überwinden.   

Verschiedene Zeugen werden vor Gericht verhört und die Beweislage gegen Kabuo spitzt sich immer weiter zu. Es stellt sich heraus, dass er mit Carl und dessen Mutter Streit um ein Stück Land stritt, welches sein Vater von Carls Vater erworben hatte und in diesem Streit sieht die Anklage ein klares Mordmotiv. Weitere Indizien legen nahe, dass Kabuo in der Mordnacht auf Carls Schiff gewesen ist. Die allgemeinen Vorurteile gegen Japaner, die sich unter den Inselbewohnern gefestigt haben, machen die Lage für Kabuo noch aussichtsloser. 

Ein Schneesturm wütet auf der Insel und sorgt für einen Stromausfall im Gerichtssaal. Bei seiner Recherche zu dem Wetterphänomen für seine Zeitung entdeckt Ishmael etwas, das ausreichen könnte, um den Angeklagten zu entlasten. Allerdings beschließt er vorerst, es für sich zu behalten, da er immer noch Groll gegen Hatsue hegt. Als der Prozess schon kurz vor dem Ende steht und die Geschworenen sich zur Urteilsfindung zurückgezogen haben, entschließt sich Ishmael doch noch dazu, das Richtige zu tun…

Leseeindrücke:

Ich habe die Lektüre sehr genossen und den Roman in wenigen Tagen „weggelesen“. Und danach hätte ich es am liebsten noch einmal gelesen. Das hatte ich so schon lange nicht mehr…

Schnee, der auf Zedern fällt ist ein spannendes und zugleich gefühlvolles Werk. Was vorerst wie ein Kriminalroman anmutet, ist in Wahrheit eine bittersüße Liebesgeschichte voller Melancholie und Verträumtheit mit einem besonderen Gespür für die Schönheit der Natur und des Augenblicks. 

Was mir besonders gefallen hat, war, dass es nicht einfach eine klassische, schöne aber oberflächliche Liebesgeschichte mit Happy End war, sondern eine tragische, die den Lesenden dennoch erfüllt und zufrieden zurücklässt. Es ist frustrierend, dass die Liebe zwischen Hatsue und Ishmael aufgrund der kulturellen Unterschiede und dem Druck von Hatsues Familie keine Zukunft hat, aber es ist auch rührend, welche charakterliche Entwicklung der Protagonist vor diesem Hintergrund durchmacht. Der Lesende fragt sich bis zuletzt, ob dieser das Richtige tun wird. Durch das Spiel auf Zeit bleibt es mitreißend bis zur letzten Seite. Am Ende siegt zwar nicht die Liebe, aber die Gerechtigkeit. 

„Sie, Hatsue und Ishmael, konnten doch gar nicht sagen, daß sie einander wirklich liebten. Sie waren einfach zusammen aufgewachsen, waren zusammen Kinder gewesen, und die Vertrautheit und Nähe, die dadurch entstanden war, hatten sie mit Liebe verwechselt. Aber andererseits – was war denn Liebe, wenn nicht die Sehnsucht, mit diesem Jungen, den sie schon immer gekannt hatte, in der hohlen Zeder auf dem Moos zusammenzusein? Er war ein Teil von diesem Ort, den Wäldern, den Stränden, er war der Junge, der wie die Bäume roch.“

Guterson: Schnee, der auf Zedern fällt, S.229.

Darüber hinaus thematisiert das Werk Rassismus und Stereotype anhand des Beispiels der japanischen Bewohner Amerikas, deren Leben sich nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 drastisch veränderte. Diese Thematik macht die Botschaft des Werkes, seine Vorurteile zu überwinden und trotz aller Widerstände moralisch richtig zu handeln, aktueller denn je. 

Gutersons Schreibstil ist poetisch, sinnlich und unprätentiös und dabei nie melodramatisch oder überbordend kitschig. Die abwechslungsreiche Struktur des Werkes sorgt dafür, dass der Lesende von der Geschichte gefesselt bleibt: Die Handlung wechselt zwischen der Gegenwart im Gerichtssaal und den persönlichen Erinnerungen der verschiedenen Figuren in der Vergangenheit. So fügt sich das Puzzle immer weiter zusammen. Dabei gehen die Wechsel unmerklich und nahtlos ineinander über. Die Natur der Insel mit ihren Erdbeerfeldern, dem rauen Meer und den Zederbäumen im Wald wird zum Leitmotiv, an dem die Geschichte sich immer wieder orientiert. 

Die Charaktere fand ich allesamt realistisch gezeichnet und authentisch, mit all ihren menschlichen Abgründen, ihren Geschichten und ihren Stärken. 

Mir ist außerdem positiv aufgefallen, wie reflektiert mit dem Fischfang umgegangen wird. Zum Beispiel, als Kabuo über seinen Beruf als Fischer nachdenkt. 

Buch vs. Film:

Wie immer habe ich mir nach der Lektüre auch die dazugehörige Verfilmung angeschaut. Sie ist sehr nah am Roman und die Charaktere fand ich, bis auf Hatsue und Ishmael, die ich mir persönlich anders vorgestellt habe, sehr gut getroffen. Der Cast besteht aus vielen renommierten und ebenso fähigen Schauspieler_innen. Die Natur wurde durch gut komponierte Bildaufnahmen reizvoll eingefangen und so eine Atmosphäre kreiert, die dem Roman entspricht. 

Nichtsdestotrotz finde ich das manche Aspekte nicht richtig herauskommen: Die notwendigen Erklärungen, die Hintergrundinformationen und Sachverhalte, vor allem bei der Gerichtsverhandlung. Das kann ein Film in dieser Länge auch nicht leisten und darin bestehen eben die Grenzen des Mediums. Grundsätzlich ist der Film aber für sich genommen aufgrund des starken Casts und den stimmungsvollen Aufnahmen sehenswert. 

Wie steht ihr dazu? Mögt ihr lieber Liebesgeschichten mit glücklichem Ausgang oder tragische?

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11. Noah Gordon – Der Medicus (1986)

Foto: Tamara Draisbach

Ausgabe: Noah Gordon: Der Medicus. Aus dem Amerikanischen von Willy Thaler. München, 1987.

Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):

London im 11. Jahrhundert. Der kleine Robert Jeremy Cole verliert kurz hintereinander beide Elternteile und wird von seinen Geschwistern getrennt. Ein Baderchirurg nimmt ihn als Lehrling auf und sie reisen einige Jahre gemeinsam durch die Lande. Rob erlernt das Handwerk des Baders und entdeckt die Medizin als seine Bestimmung. Dank einer Gabe kann er spüren, ob jemand sterben wird. 

Die Kenntnisse, die er vom Bader erlernt genügen ihm bald nicht mehr, er möchte mehr lernen und ein richtiger Medicus werden. Von einem jüdischen Gelehrten erfährt er vom Arzt der Ärzte, Ibn Sina, der im fernen Persien unterrichtet. Als Christ würde er an der dortigen Schule aber nicht aufgenommen werden, deshalb beschließt er, sich als Jude auszugeben. 

Auf seiner langen Reise in die persische Stadt Isfahan schließt er sich verschiedenen Reisegruppen an. Von einer Gruppe jüdischer Kaufleute lernt er die persische Sprache und wie man sich als Jude verhält. Auf dieser Reise lernt er auch den schottischen Schafzüchter James Cullen und seine Tochter Mary kennen, in die er sich verliebt. Die Reise trennt die beiden wieder und Rob kommt irgendwann in Isfahan an. Die Schule will ihn jedoch nicht aufnehmen und er entgeht knapp einer tödlichen Strafe. Der Shah gibt ihm einen Calaat[1] (Fußnote) und er wird nun doch an der Madrassa[2] als Ibn Sinas Lehrling aufgenommen. Mit seinen beiden Mitstudenten Mirdin und Karim verbindet ihn eine enge Freundschaft. Alle drei bestehen die Prüfung, die sie berechtigt, den Titel des Hakim[3] zu tragen. Zusammen werden sie losgeschickt, um in einem anderen Dorf die Pest zu behandeln. 

Schließlich taucht Robs Geliebte Mary zusammen mit ihrem Vater in Isfahan auf. Der Vater stirbt jedoch bald an der sogenannten „Seitenkrankheit“, was in Rob den Ehrgeiz anfacht, die Ursache dieser Krankheit zu finden. Allerdings ist es verboten, die Toten zu obduzieren und alle medizinischen Annahmen beruhen somit auf Spekulationen. Rob beschließt heimlich die Toten zu obduzieren und sammelt seine Beobachtungen in Form von Skizzen, nachdem immer mehr Menschen an der Seitenkrankheit sterben. Als die Stadt von feindlichen Eroberern eingenommen wird, machen sich Rob, Mary und ihre zwei Kinder schließlich auf den Weg zurück nach England. Den Rest ihres Lebens verbringen sie glücklich bei Marys Familie in Schottland. 


[1] Calaat: Eine Dotation, in diesem Fall ein Haus und… 

[2] Madrassa: Eine medizinische Akademie 

[3] Hakim: Arzt

Leseeindrücke:

Der Medicus ist der erste Teil einer Trilogie, welche sich mit der fiktiven Medizinerfamilie der Coles beschäftigt. Auch Teil 2 „Der Schamane“ und Teil 3, „Die Erben des Medicus“ wurden Bestseller. Einige Wochen nachdem ich den Roman zu lesen begonnen hatte, verstarb der Autor Noah Gordon im November 2021 im hohen Alter von 95 Jahren.

Ich habe für diesen Roman sehr sehr lange gebraucht und musste mich oft zum Lesen zwingen. Für mich hat sich der Text einfach sehr in die Länge gezogen und den berühmten roten Faden musste ich oft vergeblich suchen. In beinahe naturalistischer Manier wird einfach sehr vieles beschrieben, dass für die Handlung nicht relevant ist. Es gibt Leute, die das mögen – ich gehöre nicht dazu. Dazu kommt die sehr nüchterne, neutral beschreibende Schreibweise, die bei mir ein emotionales Mitgerissenwerden verhindert hat. Es fiel mir deshalb auch schwer, mit der Hauptfigur „warm“ zu werden, geschweige denn, sie mir vorzustellen. Ich fand sie ehrlich gesagt nicht einmal wirklich sympathisch. Meine Lieblingsfiguren waren dagegen der Bader und Robs Freund Mirdin. Die spannendsten Stellen im Roman waren für mich persönlich als die drei Freunde die Pest behandeln mussten und als Karim am Chatir[1] teilnahm. 

Gewisse Stellen kamen mir auch ein wenig fragwürdig vor und das unabhängig von historischer Akkuratesse. Dass Rob einen Calaat vom Sultan bekommt und ohne weiteres an der Schule aufgenommen wird, obwohl er kurz zuvor zum Tode verurteilt worden ist, erschien mir unrealistisch. Dass er (und später auch sein bester Freund Karim) regelmäßig mit der Frau des von ihnen so bewunderten Oberarztes und Lehrer Ibn Sina schlafen, fand ich ebenfalls bedenklich. Das waren wohl ziemlich lose Sitten im Orient. Am unangenehmsten aber war die Tatsache, dass Robs Frau Mary gezwungen war mit dem Shah zu schlafen, um ihr beider Leben zu retten und dann auch noch ein Kind von ihm bekam. Dass Rob die Gabe hat den bevorstehenden Tod der Patienten zu spüren, wenn er sie berührt, wurde schon sehr früh im Roman beschrieben. Man hätte deshalb erwarten können, dass das ein essentieller Bestandteil der Handlung werden würde. Im Grunde ist es aber nur ein schmückender Nebeneffekt, denn die Gabe rückt im Laufe der Handlung immer mehr in den Hintergrund und wird nur am Ende wieder aufgegriffen. Meiner Meinung nach hätte es diesen Aspekt also nicht unbedingt gebraucht. 


[1] Chatir: Ein festlicher Wettlauf

„Ein menschliches Leben in der hohlen Hand zu halten wie einen Kieselstein. Zu fühlen, wie es entglitt, es aber dank eigener Kenntnis zurückzubringen! Nicht einmal ein König besaß solche Macht. Auserwählt! Konnte er mehr lernen? Wieviel konnte man überhaupt lernen? […] Zum erstenmal empfand er den Wunsch, Arzt zu werden. Wirklich fähig zu sein, dem Tod entgegen zu treten.“

Gordon: Der Medicus. S.151.

Die Frauenfiguren im Roman sind eher schönes Beiwerk. Robs Love Interest Mary erfüllt das Klischee der passiven Jungfrau in Nöten, die unsterblich in ihren Retter und Erlöser Rob verliebt ist. Eine treue und tugendhafte Ehefrau, die zum Heiraten und Kinder bekommen da ist. Natürlich ist das aber auch der Zeit geschuldet, in welcher der Roman spielt. Trotz aller Tugendhaftigkeit wird hin und wieder geschildert, wie Rob und Mary die Ehe vollziehen. Diese Sex-Szenen fand ich eher unangenehm bis amüsant zu lesen, weil sie mich an Groschenromane erinnerten. „…und nun konnte sie nicht anders: Sie musste Robs Glied betrachten. Ich habe nicht gedacht, daß es so… groß ist, dachte sie.“ Hui!

Vermutlich auch nicht unrealistisch für die damalige Zeit, aber dennoch unschön zu lesen war für mich, wie mit Tieren in der Geschichte umgegangen wird oder wie Soldaten Frauen rauben und vergewaltigen. Diese Aspekte hätten für mich durchaus kritischer geschildert werden können. 

Übrigens ist der Roman in vielen Punkten nicht unbedingt historisch korrekt. Das bestätigt der Autor zum Teil auch in seiner Danksagung. Mich persönlich hat das nicht unbedingt gestört, aber es ist dennoch gut zu wissen.

Buch vs. Film: 

Auch wenn der Film teilweise sehr stark von seiner literarischen Vorlage abweicht (was ich ziemlich schade fand), ist er sehenswert. Mir gefielen vor allem Stellan Skarsgård als der Bader und Ben Kingsley als Ibn Sina, aber auch die Figur des Shahs (gespielt von Olivier Martinez) fand ich hier überzeugend. 

Der Medicus im Film ist schon ein paar entscheidende Schritte weiter als der im Roman. Im Film ist Rob quasi der Begründer der modernen Chirurgie und des Krankenhauswesens in Europa. Auch schafft er es, eine Operation durchzuführen und die mysteriöse Seitenkrankheit (heute bekannt als Blinddarmentzündung) zu heilen. Seine große Liebe Mary gibt es im Film nicht. Auch der Ausbruch der Pest findet in den Film auf ganz andere Weise Eingang. Wie so oft muss man auch hier sagen, dass das Buch definitiv besser ist als der Film. Aber macht euch selbst ein Bild: 

Wie ist es bei euch – gefallen euch ausufernde Beschreibungen, die nicht unbedingt die Handlung voranbringen? Legt ihr bei historischen Romanen Wert darauf, dass die tatsächliche Faktenlage genau berücksichtigt wird?

11 von 150 Büchern ✓

Exkurs: Studienlektüre

Foto: Tamara Draisbach

Da ich momentan einfach nicht dazu komme, mich den 150 Büchern auf meiner Liste zu widmen, dachte ich, ich zeige euch heute mal meine Lektüre fürs Studium, genauer gesagt für dieses Sommersemester. Wie man sieht, ist das ein bunter Mix verschiedenster Autoren, Epochen und Gattungen. Und es ist auch nur ein kleiner Teil dessen, was für das Semester gelesen werden soll. Die meisten Texte werden allerdings von den Dozenten online bereitgestellt, was natürlich sehr praktisch ist. Dennoch macht es manchmal Sinn oder wird verlangt, sich ein Werk in physischer Form anzuschaffen. Ist auch angenehmer so zu lesen, finde ich. 

Wenn man verschiedene Texte für unterschiedliche Seminare zeitgleich lesen muss, ist es fast unmöglich, sich ein Buch erst einmal in Ruhe durchzulesen und sich intensiver damit auseinanderzusetzen. In der Regel überfliegt man eher und achtet beim Lesen nur auf einige bestimmte Aspekte, die im Seminar behandelt werden. Das ist manchmal ein bisschen schade, weil viele der Bücher wirklich interessant sind und eigentlich eine genauere Betrachtung verdient hätten. Aber es ist schön, dass man durch das Studium so viele Anregungen bekommt und sich dadurch auch mit Texten beschäftigt, von denen man sonst vielleicht nie etwas gehört, geschweige denn gelesen hätte. Nur die Motivation für Privatlektüren bleibt eben etwas auf der Strecke. 

Welches Buch ist euch aus eurem Studium oder der Schulzeit besonders positiv in Erinnerung geblieben? Und welches hättet ihr am liebsten nie lesen müssen? Habt ihr eines der hier gezeigten Bücher schon privat gelesen?

Foto: Tamara Draisbach

Exkurs: Bücherschränke

Foto: Tamara Draisbach


Heute möchte ich einmal über meine neu entdeckte Liebe zu Bücherschränken schreiben. Ich finde das Konzept von Bücherschränken einfach genial. Seit ich sie für mich entdeckt habe, gehe ich selten mit leeren Händen nach Hause. Vor allem sehr beliebte Bücher und Klassiker (nach denen ich ja für diesen Blog immer auf der Suche bin) kann man dort besonders häufig finden. Teilweise häuft sich sogar ein und dasselbe Buch in verschiedenen Bücherschränken in unterschiedlichen Städten. Da ich sowieso ein großer Fan vom gebraucht statt neu Kaufen bin, sind Bücherschränke für mich der ultimative Ort, um mir Bücher zu beschaffen, statt Geld für Neue auszugeben oder in die Bücherei zu fahren, was ja momentan auch nicht ganz unkompliziert ist. 

Überhaupt haben bereits verwendete Bücher einen ganz eigenen Charme. Ich frage mich immer, wer das Buch wohl vor mir bereits gelesen hat, wo es vielleicht schon überall gewesen ist… Ab und zu findet man noch persönliche Notizen und Widmungen in den Büchern, letztens fiel mir eine Feder daraus entgegen. Und manchmal findet man eben auch besondere Schätze – Bücher, die man so wohl online nicht bekommen würde, weil sie in dieser Ausgabe nicht mehr erscheinen. Oder man entdeckt erst Bücher, von denen man zuvor nie gehört hat, die sich aber dennoch als lesenswert herausstellen. 

Foto: Tamara Draisbach

Und zu guter Letzt eignen sich Bücherschränke natürlich nicht nur zum Sammeln von Büchern, sondern auch zum Abgeben. Schließlich muss man ja auch wieder neuen Platz im Regal schaffen. So entsteht eine besonders umweltfreundliche und geistig anregende Form des Austauschs, die ich einfach wunderbar finde. Scheinbar geht es damit auch nicht nur mir so. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass sich Bücherschränke immer größerer Beliebtheit erfreuen, was sicherlich auch ein Stück weit mit der aktuellen Krisensituation zu tun hat. Egal in welcher Stadt ich mich gerade aufhalte, sehe ich Menschen um die Bücherschränke herumstehen und stöbern oder kann beobachten, wie gerade Nachschub geliefert wird.

Foto: Tamara Draisbach

Ich kann durchaus für mich sagen, dass ich seit der Krise mehr lese. Allerdings beschränkt sich das aktuell stark auf die Texte und Bücher, die ich für die Uni lesen muss. Dadurch kommt das private Lesevergnügen im Moment leider etwas kurz. Glücklicherweise gibt es nun aber eine Überschneidung – für ein Seminar sollten wir Eichendorff’s ,,Aus dem Leben eines Taugenichts“ lesen, welches auch Teil meiner Liste ist. Somit wird davon wohl auch mein nächster Post handeln. 

Habt ihr auch das Gefühl, dass seit der Corona-Krise wieder mehr gelesen wird? Lest ihr selbst vielleicht auch mehr seitdem? Und was haltet ihr von Bücherschränken, nutzt ihr sie häufig oder eher gar nicht? Habt ihr vielleicht schon mal etwas Interessantes oder Kurioses in einem Buch gefunden, das ihr euch ausgeliehen oder aus einem Bücherschrank geholt habt? 

10. Arthur Golden – Die Geisha (1997)

Foto: Tamara Draisbach

Ausgabe: Arthur Golden: Die Geisha. Deutsch von Gisela Stege. München, 2000.

Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):

Japan zu Beginn der 1930er Jahre. Die neun-jährige Chiyo lebt mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Satsu in einem kleinen japanischen Fischerdorf. Die Mutter ist schwer krank und der Vater ein mittelloser Fischer. Eines Tages lernt Chiyo den wohlhabenden und weltmännischen Herr Tanaka kennen, der von ihrer Schönheit, insbesondere ihren außergewöhnlichen grauen Augen, fasziniert ist. Er adoptiert Chiyo und ihre Schwester, doch statt in sein komfortables Zuhause kommen die Mädchen in die Großstadt Kyoto, wo sie getrennt untergebracht werden. Während Chiyo von da an in der Nitta-Okiya1 lebt, muss Satsu in einem Bordell arbeiten. 

Chiyos Kindheit in der Okiya ist alles andere als schön. Sie vermisst ihre Familie, muss harte Arbeit leisten und wird von der Geisha Hatsumomo fortwährend schikaniert. Ihre einzige Freundin ist ein gleichaltriges Mädchen in der Okiya, welches von allen wegen seines runden Gesichts nur Kürbisköpfchen genannt wird. Durch Hatsumomos Intrigen und Schikanen ist Chiyo schon bald hoch verschuldet. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch muss sie außerdem ihre Geisha-Ausbildung abbrechen und als Dienstmädchen arbeiten. Bald erreicht sie auch die Nachricht vom Tod der Eltern und der Flucht ihrer Schwester aus Kyoto. Allein und hoffnungslos sitzt sie am Ufer eines Flusses und weint, als sie von einem adretten älteren Herren angesprochen wird. Der wohlhabende Mann zeigt sich ihr gegenüber besonders freundlich und kauft ihr zum Trost ein Eis. Seit diesem Tag schwärmt Chiyo für den Unbekannten und richtet all ihre Bemühungen darauf, ihn wiederzusehen und in seiner Welt verkehren zu können. 

Schließlich hat Chiyo großes Glück, denn die berühmte Geisha Mameha möchte sie zu ihrer jüngeren Schwester2 machen. Das bedeutet, dass sie ihre Geisha-Ausbildung weiterführen und Mameha zu ihren Engagements in den Teehäusern der Stadt begleiten darf. Außerdem trifft Mameha mit der Mutter der Okiya eine Vereinbarung: Wenn Chiyo es schafft, bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr all ihre Schulden zurück zu zahlen, bekommt Mameha das Doppelte ihres normalen Anteils an ihren Einnahmen. Wenn nicht, erhält sie nur die Hälfte. Ein scheinbar sehr lukrativer Deal für die geldhungrige Mutter.

Doch die Fehde mit Hatsumomo ist damit noch nicht vorüber. Mit ihrer jüngeren Schwester Kürbisköpfchen folgt sie Mameha und Chiyo zu deren Engagements und macht sie vor den Gästen lächerlich. Eines Tages begleitet Chiyo, die von dort an den Geishanamen Sayuri trägt, Mameha zu einem Sumokampf. Dort sind sie mit dem Direktor und dem Präsident von Iwamura Electric verabredet. Sayuri erkennt in dem Direktor sofort den Mann, der ihr damals am Flussufer geholfen hatte, wird aber von Mameha angehalten, mit dem von Brandnarben entstellten und übellaunigem Präsidenten Nobu zu flirten, damit Hatsumomo sich in Sicherheit wiegt. Sayuri gibt den Traum von einer Zukunft mit dem Direktor nicht auf, obwohl dieser wenig Interesse zeigt, während Nobu ihre Gesellschaft bald immer mehr genießt. 

Als Sayuri älter wird, beginnt das Bieten um ihre Mizuage. Der Höchstbietende erkauft sich dabei die Entjungferung der Geisha. In diesem Fall ist das Dr. Krebs, der eine extrem hohe Summe geboten hat. Dadurch schafft Sayuri es, ihre Schulden bei der Okiya zu tilgen. Außerdem wird sie als gewinnversprechendste Geisha als Tochter der Okiya adoptiert. Auf diese Ehre hatten auch Hatsumomo und Kürbisköpfchen gehofft, welcher die Adoption ursprünglich versprochen worden war. Nach darauffolgenden Eskapaden muss Hatsumomo schließlich die Okiya verlassen und wird nie wieder gesehen. 

Ein General wird bald darauf Sayuris danna3, wodurch die Okiya auch im aufkommenden zweiten Weltkrieg mit bestimmten Waren versorgt wird. Schließlich aber muss auch das Geishaviertel schließen und Sayuri an einen sicheren Ort fliehen. Eines Tages besucht Nobu sie und bittet sie darum, ihre Dienste als Geisha wieder aufzunehmen. Sie soll den stellvertretenden Finanzminister unterhalten, der für die Firma Iwamura Electric von großer Bedeutung ist. Auch bietet sich Nobu ihr als danna an, was Sayuri unbedingt vermeiden will. Wäre Nobu ihr danna, würde der Direktor für sie für immer unerreichbar bleiben. Allerdings willigt sie ein, wieder als Geisha zu arbeiten. Es folgen mehrere gemeinsame Treffen mit Mameha, Kürbisköpfchen, dem Finanzminister, Nobu und dem Direktor.

Der Finanzminister interessiert sich sehr für Sayuri und hofft ebenfalls, ihr danna werden zu können. Nobu verabscheut den Mann und erklärt Sayuri, würde sie einen Mann wie den Finanzminister als danna akzeptieren, wäre sie für ihn gestorben. Nach dieser Information fasst Sayuri einen Plan, wie sie Nobu endgültig als ihren danna ausschließen kann. Sie möchte, dass er sie und den Finanzminister zusammen erwischt und bittet dazu Kürbisköpfchen, Nobu an den Ort zu führen, wo er die beiden in flagranti erwischen würde. Aber es ist schließlich der Direktor, der in der Tür steht und die Entdeckung macht. Kürbisköpfchen wusste, wie Sayuri für ihn empfindet und wollte sich an ihr rächen, weil sie damals statt ihrer adoptiert wurde. 

Ein paar Tage hört Sayuri nichts, dann will der Direktor sie plötzlich im Teehaus treffen. Er erklärt ihr, Kürbisköpfchen habe ihm verraten, dass eigentlich Nobu die beiden erwischen sollte. Er gesteht ihr auch, dass er immer Gefühle für sie hatte, aber wusste, wie sein Freund Nobu für sie fühlte und sich daher zurück genommen hatte. Er war es auch, der damals Mameha gebeten hatte, sich ihrer anzunehmen. Sayuri gesteht dem Direktor ihrerseits ihre Gefühle. Sie küssen sich und er wird ihr danna. Bis zum Tod des Direktors bleiben die beiden zusammen. Sayuri wandert nach New York aus und eröffnet dort ein eigenes Teehaus. 

1 Als Okiya wird das Wohnhaus bezeichnet, indem eine oder mehrere Geishas leben. Inhaberin oder „Mutter“ der Okiya ist in diesem Fall Frau Nitta, weshalb die Okiya Nitta-Okiya heißt. 

2 Eine junge Lerngeisha braucht eine ältere, erfahrene Geisha, die sie in die Gesellschaft einführt und ihr Wissen mit ihr teilt. Bei einer Zeremonie werden die beiden zu Schwestern ernannt, auch wenn sie keine biologischen Geschwister sind. 

3 Der danna, in der Regel ein vermögender Mann, kommt für diverse Ausgaben der Geisha auf. Im Gegenzug genießt er Privilegien, die andere Kunden nicht genießen, zum Beispiel, mit der Geisha zu schlafen. 

Leseeindrücke:

Ich gebe zu – die Welt der Geishas hat mich sehr fasziniert. So sehr, dass ich meinen Kimono und mein Teeservice wieder hervorgeholt habe, um selbst ein bisschen Geisha-Flair zu genießen. Der Roman fühlte sich an, wie eine Reise nach Japan. Eine Reise, bei der man das Gefühl hat, völlig in eine andere Kultur einzutauchen und von der man voll mit neuem Wissen und Inspiration wieder heimkehrt. Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass der Roman wirklich informativ und gut recherchiert ist und beim Leser keine Fragen offen lässt, was die Regeln und Gepflogenheiten der Geishawelt angeht. Vom Binden des Kimonos, über Bräuche, Zeremonien und Ausbildung der japanischen Gesellschafterinnen wird wirklich alles erklärt. Dass der Autor japanische Geschichte studiert und lange Zeit in Japan gelebt hat, ist dem Roman definitiv anzumerken. Die fiktive Biografie liest sich zudem gut, ist selten langweilig und sorgt immer für ausreichend Spannung. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Chiyo/Sayuri, die häufig auch den Leser direkt anspricht. Auch dadurch ist man besonders nah am Geschehen und fühlt mit dem jungen Mädchen mit. Schließlich gibt es nach all den Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Schicksalsschlägen auch ein ordentliches Happy-End. 

Ich wollte unbedingt noch einmal sein glattes Gesicht sehen, die breite Stirn und die Lider, die sich wie Marmor über den sanften Augen wölbten, aber zwischen uns klaffte ein riesiger gesellschaftlicher Abgrund. […] Er musterte mich, wie ein Musiker wohl sein Instrument betrachtet, bevor er zu spielen beginnt: Mit Verständnis und Meisterschaft. Ich spürte, dass er in mich hineinsehen konnte, als wäre ich ein Teil von ihm. Wie schön wäre es gewesen, das Instrument zu sein, auf dem er spielte!

Golden: Die Geisha. S.151-152.

Manches ist aber auch schnell zu viel des Guten. So wird zum Beispiel der Vergleich als Stilmittel etwas zu inflationär eingesetzt und die vielen Fakten und Erklärungen, so hilfreich sie sind, unterbrechen hin und wieder den Lesefluss. 

Die Charaktere sind schön ausgearbeitet und beschrieben. Viele Frauen in der Geschichte sind allerdings hinterhältig, eingebildet und bösartig, was sie etwas eindimensional erscheinen lässt. Auch waren für mich die Motive der Protagonistin nicht immer ganz nachvollziehbar. So entschließt sie sich beispielsweise gegen eine Flucht aus einem Leben voller Schulden und Schikane, als sie die Gelegenheit und das Geld dazu bekommt, „nur“ weil ihre Familie nicht mehr erreichbar ist, möchte Geisha werden, um die Aufmerksamkeit wohlhabender Männer zu bekommen und verliebt sich mit 12 Jahren unsterblich in einen 45-jährigen Mann. Aber das muss jeder für sich bewerten. 

Hohe Literatur ist der Roman meiner Meinung nach nicht, aber ein wirklich toller Unterhaltungsroman, bei dem man definitiv etwas Neues lernt. 

Buch vs. Film: 

Ich musste mich immer wieder zwingen, nicht online nach dem Film zu suchen und mir den Trailer anzuschauen, obwohl meine Neugierde beim Lesen schon riesig war. Es gelang mir, damit zu warten, bis ich das Buch ausgelesen hatte. Aber dann wollte ich natürlich unbedingt auch die Verfilmung sehen. 

Lobenswert sind die tollen filmischen Aufnahmen und die Besetzung der Charaktere. Der Film hält sich sehr nah an die Vorlage und schafft es tatsächlich, die wichtigsten Stationen des Romans abzudecken. Man hat nicht das Gefühl, dass etwas fehlt, wenn man das Buch gelesen hat. 

Allerdings habe ich mich gefragt, ob der Film ausreichend das Wissen vermittelt, das im Roman enthalten ist. Bei so vielen Erklärungen und Hintergrundinformationen stelle ich es mir schwer vor durchzublicken, sollte man das Buch nicht vorher gelesen haben, aber das kann natürlich nur jemand beurteilen, der nur den Film kennt.

Der Text kam mir teilweise etwas gekünstelt und melodramatisch vor und das Schauspiel stellenweise soap-artig. Das Ende war für meinen Geschmack zu abrupt. Aber trotz aller Kritik – der Film ist durchaus sehenswert. 

Habt ihr schonmal ein Buch gelesen oder einen Film gesehen, der für kurze Zeit euren Kleidungsstil, euer Verhalten oder eure Sprache beeinflusst hat? Wenn ja, welcher/s? Schreibt es gerne in die Kommentare.

10 von 150 Büchern ✓ 

9. Hans Christian Andersen: Die Schneekönigin (1844)

Foto: Tamara Draisbach

Ausgabe: Meine Ausgabe ist eine Adaption von Gordana Maletić mit Illustrationen von Ana Grigorjev. Sie wurde 2017 beim EVRO BOOK Verlag in Serbien mit dem Titel ,,Snežna Kraljica“ veröffentlicht und erschien in Deutschland beim Trötsch Verlag Gosen-Neu Zittau. Verfasst wurde die Geschichte im Original von Hans Christian Andersen und wurde 1844 erstmals veröffentlicht. 

Kurze Zusammenfassung:


Meine Zusammenfassung basiert auf dem Text meiner Ausgabe, wie bei fast jedem Märchen gibt es aber auch hier unterschiedliche Versionen. 

Alles beginnt damit, dass der Teufel einen ganz speziellen Spiegel herstellt. Dieser lässt jeden, der hereinschaut alles Schlechte und Hässliche besonders intensiv wahrnehmen, während das Gute und Schöne darin verzerrt wird. Damit möchte er zum Himmel fliegen und die Engel ärgern, doch der Spiegel fällt unterwegs herunter und zerbricht. Die tausend kleinen Splitter verteilen sich auf der ganzen Welt und jeder, der einen davon ins Auge bekommt sieht nur noch das Schlechte.

Nun führt uns die Erzählung zu den Kindern Gerda und Kay. Die zwei besten Freunde wohnen nebeneinander und lieben es, von ihren Fenstern aus die gemeinsamen Rosensträucher zu bewundern. Gerdas Großmutter erzählt den beiden an einem Winterabend erstmals die Geschichte der Schneekönigin

Im kommenden Frühling wird der kleine Kay von einem der Spiegelsplitter ins Auge getroffen und verhält sich ab diesem Zeitpunkt fies und bösartig zu allen. Er verspottet seine Mitmenschen oder spielt ihnen Streiche. 

Im Winter spielen die Jungen des Dorfes ihr übliches Spiel, bei dem sie sich an die Schlitten der Leute hängen und ein Stück mit fahren. Dabei entdeckt Kay ein ganz außergewöhnliches Exemplar, an das er sich auch direkt heran hängt. Zu seinem Unglück ist es aber der Schlitten der Schneekönigin, von dem er nicht mehr loskommen kann. Sie fährt mit ihm davon und gibt ihm schließlich einen Kuss, durch den er alle Erinnerungen und Empfindungen verliert und sein Herz zu einem Eisklumpen gefriert. Die Königin nimmt ihn mit zu ihrem Eisschloss. 

Natürlich vermisst Gerda ihren Freund und sie weigert sich zu glauben, dass Kay im Fluss ertrunken sei, wie allgemein vermutet wird. Sie zieht los und fragt den Fluss, ob er Kay gesehen habe. Dieser symbolisiert ihr, dass er ihren Freund nicht habe und sie springt in ein Boot, das am Ufer treibt. Der Fluss trägt sie in dem Boot zu einer Zauberin, die einen wunderschönen Garten hat. Diese möchte die kleine Gerda bei sich behalten und lässt sie durch Zauberei Kay vergessen. So vergeht der Sommer, bis Gerda sich dank der Rosen im Garten wieder an ihr Vorhaben erinnert. 

Es ist bereits Herbst, als sie sich wieder auf die Suche begibt. Eine Krähe gibt ihr den Hinweis, dass Kay sich möglicherweise im Schloss einer Prinzessin befindet und mit ihr verheiratet werden soll. Sie schmuggelt sich hinein, wird aber enttäuscht – der Prinz ist nicht Kay. Dafür bekommt sie von der Prinzessin, die Mitleid mit dem Mädchen hat, warme Kleidung und eine Kutsche für die Weiterfahrt. 

Schon im Wald endet die luxuriöse Reise, denn die Kutsche wird von einer Räuberbande überfallen. Zu Gerdas Glück gibt es ein Räubermädchen, das mit ihr befreundet sein möchte und mit ihr ein Stück weiterreist. Bald zwitschern ihr ein paar Tauben, dass sie Kay gesehen hätten und Gerda führt ihre Reise auf einem Rentier in Richtung des Schlosses der Schneekönigin weiter. 

Auf ihrem Weg findet sie Unterschlupf bei einer hilfsbereiten Lappin und einer weisen Finnin, die ihr helfen, das Schloss zu finden. 

Unterdessen versucht Kay im eisigen Thronsaal verzweifelt etwas aus Eisstücken zu legen. Wenn er das Wort legt, an das die Schneekönigin denkt, dann ist er befreit, so hatte sie es angekündigt. Dann macht sich die Schlossherrin auf eine Reise und lässt Kay allein zurück. Gerda läuft zu ihm und umarmt ihn, aber er erkennt sie nicht. Sie fängt an zu weinen und ihre Tränen schmelzen Kays eisiges Herz. Auch der Spiegelsplitter verlässt seinen Körper und er sieht wieder klar. Die beiden legen das Wort ,,Ewigkeit“, wodurch Kay endgültig frei ist. Gemeinsam reisen sie auf den Rentieren zurück und kommen unterwegs nochmal bei der Lappin, der Finnin und dem Räubermädchen vorbei. Als sie nach Hause kommen, ist es wieder Frühling und die Rosen blühen. 

Leseeindrücke:

Ein teuflischer Spiegel

Ein besonders faszinierendes Motiv ist für mich der Spiegel des Teufels, der die Funktion hat, alles Negative überdeutlich hervortreten zu lassen. Menschen, welche von einem der Splitter getroffen werden, wie es auch Kay geschieht, können nur noch das Schlechte in der Welt sehen und werden entsprechend selbst bösartig. Der Spiegel ist quasi das Gegenstück zur bekannten rosaroten Brille.

Eine verzerrte Wahrnehmung von der Welt und sich selbst ist in der Realität untrennbar mit zahlreichen psychischen Krankheiten verknüpft. Diesen Bezug finde ich sehr interessant. Wenn es nicht schon geschehen ist, sollte man Andersens Märchen mal einer psychologischen Deutung unterziehen. 

Die Schneekönigin 

,,Wir sind gut gefahren!“ , sagte sie ,,aber du wirst wohl frieren! Krieche unter meinen Pelz!“ Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; es war, als versänke er in einem Schneetreiben. ,,Friert dich noch?“ , sagte sie und küsste ihn auf die Stirn. Oh, das war kälter als Eis; das ging ihm hinein bis ins Herz, das ja schon zur Hälfte ein Eisklumpen war. Es war, als sollte er sterben, aber nur einen Augenblick, dann tat es ihm recht wohl; er spürte nichts mehr von der Kälte ringsumher.

Andersen: Die Schneekönigin.

Interessant ist auch die Figur der Schneekönigin, die wie das Eis, das sie umgibt, kalt, unnahbar und emotionslos ist. Sie ist die Herrscherin über Eis und Schnee und würde am liebsten alle Länder in ewigen Winter hüllen. In ihrem Palast lebt sie einsam, bis sie Kay entführt und ihm seine Erinnerungen raubt. Ihr Alter ist unbekannt, vermutlich ist sie unsterblich, mehr Fabelwesen als Mensch. Die Schneekönigin ist auch nicht die übliche Märchenhexe, die verstossen wurde und auf Rache sinnt. Über ihre Beweggründe wird der Leser nicht aufgeklärt. So bleibt sie geheimnisvoll, schwer greifbar und ambivalent, denn sie kann nicht eindeutig Gut oder Böse zugeordnet werden. 

Helferfiguren

Gerda hat bei ihrer Suche immer wieder Helferinnen, wie die Prinzessin, das Räubermädchen, die alte Lappin und die Finnin. Auch Tiere werden als Helferfiguren eingesetzt, wie der Rabe, der sie in den Palast bringt, die Tauben, welche ihr den Hinweis auf Kays Aufenthaltsort geben oder das Rentier, das Gerda auf seinem Rücken trägt. 

In der Geschichte gibt es aber nicht nur hilfsbereite gutmütige Frauen, sondern auch die Frauen, welche allein leben und an der Gesellschaft der Kinder festhalten. Sowohl die Hexe, als auch die Schneekönigin halten Gerda und Kay bei sich fest und bewirken durch Auslöschen der Erinnerung, dass sie bei ihnen bleiben. 

Gerda und Kay 

Die Beziehung der beiden Kinder ist zu Beginn eine unschuldige. Sie sind einfach zwei beste Freunde, die sich so nahe stehen, als seien sie Geschwister. Das Motiv, das sie beide verbindet und in der Erzählung immer wiederkehrt ist das der roten Rosen. Wer möchte, kann im Symbol der roten Rosen durchaus eine Andeutung für eine spätere Liebesbeziehung der beiden sehen. 

Die Geschichte der Sandkastenfreunde ließe sich auch als eine von Entfremden und Wiederfinden lesen. Als Kinder sind sie unzertrennlich, im Prozess des Erwachsenwerdens, der Pubertät (dafür steht auch der Lauf der Jahreszeiten und der Hinweis in manchen Fassungen „als sie wiederkamen, waren sie erwachsen geworden“) werden sie sich fremd, bzw. Kay entfernt sich von seiner Freundin Gerda. Sie gibt ihn jedoch nicht auf und schließlich, als Erwachsene, finden sie wieder zu einander. Somit könnten auch die Jahreszeiten als Analogie für das Erwachsenwerden stehen. Beginnend mit dem Frühling, in dem noch alles harmonisch ist, schließlich der kalte harte Winter, in dem Kay entführt wird, die Suche Gerdas durch mehrere Jahreszeiten, bis die beiden im Frühling wieder vereint unter den Rosenblüten sitzen. Aber das ist nur eine von vielen möglichen Interpretationen. 

Ein Motiv, das sich in der Geschichte wiederholt, ist auch das des Vergessens und Erinnerns. Kay vergisst seine Identität und Herkunft durch den eisigen Kuss der Schneekönigin, Gerda vergisst ihr Vorhaben durch die Zauberkraft der Hexe. Erst die Rosen erinnern sie wieder an Kay.

Adaptionen

Natürlich gibt es auch hier wieder zahlreiche Verfilmungen und andere Adaptionen. Die derzeit Bekannteste ist wohl Disney’s ,,Die Eiskönigin–völlig unverfroren„. Sie basiert allerdings eher lose auf Andersens Erzählung und übernimmt weniger Motive aus dem Märchen, als man dem Titel nach vielleicht glauben würde. 

In ,,Tabaluga und das leuchtende Schweigen“ wird der Schneekönigin ein Song gewidmet:

,,Schon bist du in ihrem Bann. 

Und ihr Eishauch glüht dich an. 

Du fühlst, wie dein Blut gerinnt. 

Weil sie dir die Wärme nimmt, 

wirst du auch erfrieren.


Sie ist kalt. Kalt, wie blaues Eis. 

Sie ist kalt. Nur ihr Herz ist heiß…“

Fazit

Die Schneekönigin ist ein vielschichtiges Märchen, mit vielen wiederkehrenden und märchentypischen Motiven, das dem modernen Leser Spielraum für Interpretationen schenkt, eine Erzählung von Freundschaft und Liebe und einfach eine fantasievolle Geschichte. 

Zu meiner Ausgabe: Die Illustration sind sehr farbenfroh und schön gezeichnet. Der Text ist leider etwas zu wenig ausführlich, aber schließlich ist es ja auch ein Buch, das für Kinder konzipiert wurde. 

Schreibt mir gerne, wie ihr Andersens Märchen findet, was eure persönlichen Lieblingsmärchen sind und welche Ausgaben ihr vielleicht besonders empfehlen könnt. 

9 von 150 Büchern ✓

8. Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte (1843)

Foto: Tamara Draisbach

Ausgabe: Charles Dickens: A Christmas Carol. London, 1843. (Bee Books. Children’s Classics. Printed: 2017)

Seitenanzahl: 106

Kurze Zusammenfassung: 

In diesem Fall spare ich mir die Spoiler-Warnung, denn die Handlung dieser Geschichte ist wohl jedem mehr oder weniger geläufig. 

Protagonist Ebenezer Scrooge ist ein vergreister, äußerst unsympathischer und geiziger Geldverleiher. Weihnachten ist für ihn „Humbug“ und wer in Elend lebt, der sei selbst Schuld daran. Es überrascht daher nicht, dass der misanthropische Geizhals außer seinem Neffen keine Familie oder Freunde hat.

Sein langjähriger Geschäftspartner Jacob Marley liegt zum Zeitpunkt der Erzählung schon seit sieben Jahren unter der Erde, lässt es sich aber nicht nehmen, dem alten Scrooge am Weihnachtsabend einen geisterhaften Besuch abzustatten Dort demonstriert er ihm sein postmortales Elend, lässt seine endlosen Ketten rasseln, die er zu Lebzeiten selbst geschmiedet hat und warnt Scrooge, dass es ihm noch viel schlechter ergehen wird, wenn er nichts ändert. Er kündigt dem dann doch etwas Verängstigten darüber hinaus noch die Ankunft drei weiterer Phantome an. Und die lassen auch nicht lange auf sich warten.

Der erste Geist, ein kindliches kleines Männchen, der Geist der vergangenen Weihnacht, nimmt Scrooge mit auf eine Reise in dessen Jugend. Beim Anblick seines jüngeren Ichs, das über die Feiertage allein in der Schule zurückbleiben und sich in die Fantasiewelt seiner Bücher flüchten musste, während die Mitschüler fröhlich zu ihren Familien reisten, bekommt die harte Schale des Alten bereits die ersten Risse. In der Vergangenheit begegnen ihm auch seine kleine Schwester, sein damaliger Arbeitgeber, der es verstand mit geringen Mitteln die tollsten Feste für seine Angestellten zu veranstalten und seine erste und einzige Liebe, die es irgendwann nicht mehr ertrug, mit Scrooges wahrem Angebeteten, dem Geld, zu konkurrieren. Diese Situation noch einmal durchleben zu müssen erträgt Scrooge nicht und er bekämpft den Geist, bis dieser verschwindet. Nun auf alles gefasst, erwartet er die Ankunft des nächsten Phantoms.

Bald hört er eine warme, fröhliche Stimme rufen und entdeckt in einem festlich und prunkvoll geschmückten Raum den Geist der gegenwärtigen Weihnacht, eine beeindruckende, hoheitsvolle Erscheinung, die alles Schöne des Weihnachtsfestes verkörpert. Auch sie nimmt Scrooge mit an verschiedene Orte, nun aber in der Gegenwart. Dabei sieht er zum ersten Mal die Familie seines Angestellten Bob Cratchit, der von seinem mickrigen Gehalt mehrere Kinder ernähren muss. Darunter auch der kleine Timmy, der durch eine Krankheit an Krücken gehen muss. Aber die Familie genießt ihr bescheidenes Weihnachtsessen in ihrer ebenso bescheidenen Behausung und trinkt auf Scrooges Gesundheit, obwohl dieser natürlich alles andere als beliebt bei den Cratchits ist. Scrooge ist gerührt und tief bewegt vom Schicksal des kleinen Timmys. Die nächste Reise führt ihn und den Geist ins Haus des Neffen Fred, wo eine illustre Weihnachtszusammenkunft stattfindet. Auch hier wird an Scrooges Name kein wirklich gutes Haar gelassen. Doch auch dort wird auf ihn getrunken. 

War alles bis dahin noch friedlich und im Sinne der Weihnacht, ändert sich die Situation mit dem nahenden Tod des zweiten Geistes. Denn dieser existiert nur so lang, wie es Weihnachten ist. Vor seinem Dahinscheiden macht Scrooge aber noch die Bekanntschaft zweier verwahrloster, bösartiger Kinder – Ignoranz und Gier, die sich an die Beine des Weihnachtsgeistes klammern. Als dieser Spuk vorbei ist, geht es nicht weniger düster weiter – der letzte Weihnachtsgeist ist ein in schwarze Gewänder gehülltes, schweigsames und gesichtsloses Wesen, das Scrooge nun mit in die Zukunft nimmt. Dort wird er mit seinem eigenen Tod konfrontiert. Wie zu erwarten war, weint ihm keiner eine Träne nach, im Gegenteil. Was von seinem Besitz übrig ist, wird geplündert, auf seine Beerdigung möchte niemand kommen und in guter Erinnerung bleibt er natürlich auch nicht. Zu allem Übel ist auch der kleine Timmy am Weihnachten der Zukunft nicht mehr unter den Lebenden. Er ist seiner Krankheit erlegen und Scrooge muss zusehen, wie die Familie trauert. Im Angesicht seines eigenen kalten Grabes fleht Scrooge den Geist an, ihm noch eine Chance zu geben; er verspreche sich zu bessern und Gutes zu tun. Gesagt, getan.

Am nächsten Tag, wieder in der Gegenwart, ist Scrooge nicht mehr der verbitterte Geizhals, sondern ein herzlicher, gütiger und fröhlicher Mensch. So beschafft er den allergrößten Truthahn und lässt ihn zur Familie Cratchit bringen. Auch eine Lohnerhöhung wird Bob Cratchit zuteil. Und schließlich nimmt Scrooge auch die Einladung seines Neffen an, mit ihm und seiner Frau Weihnachten zu feiern. Ein wahres Weihnachts-Happy End. 

Leseeindrücke: 

„Eine Weihnachtsgeschichte“ ist meiner Meinung nach nicht nur über die Weihnachtszeit eine lohnenswerte Lektüre. Natürlich passt die Geschichte aber besonders gut zum Jahresende, wo man vielleicht sowieso gerade reflektiert, wie das Jahr verlaufen ist und was man hätte besser machen können, sich bewusst macht, was man hat und wer einem wichtig ist. 

Die Geschichte ist, ähnlich einem Märchen, eine wahre Fundgrube an Lebenslektionen. Sie zeigt uns erstens auf, dass unsere Zeit auf Erden vergänglich ist und daher bestmöglich genutzt sein will. Zweitens macht sie uns bewusst, dass das Einzige, was nach unserem Tod wirklich von uns bleibt, die guten (oder eben schlechten) Taten, die wir im Leben verübt haben und den Eindruck, den wir bei den Menschen um uns herum hinterlassen haben, sind. Und letztlich sagt sie uns auch: Es ist nie zu spät sich zu ändern, egal wer man ist. 

Auch hier gibt es wieder unzählige Film- oder Theateradaptionen, aber es lohnt sich wirklich, sich auch einmal das Buch durchzulesen. Der Schreibstil Dickens‘ malt die Geschichte in so eindringlichen und bunten Farben, dass kein Film es ihm nachmachen könnte. Zugegeben – in der Originalsprache liest es sich definitiv anspruchsvoll, denn das Vokabular ist so üppig und abwechslungsreich, dass man nicht umhin kommt, öfter mal ein Wörterbuch zu bemühen. Aber das macht die Beschreibungen eben auch so lebendig. 

„Eine Weihnachtsgeschichte“ hat so ziemlich alles, was eine gute Geschichte braucht – einen lasterhaften Protagonisten, der einen Persönlichkeitswandel durchläuft, Drama, Fantasy, Sozialkritik, eine Moral und ein berührendes Happy End. Ich werde die Lektüre definitiv nächstes Jahr wieder zum Jahresende lesen. 106 Seiten sind vom Umfang her ja auch schnell mal bewältigt. 

Und wer sich für das neue Jahr etwas vorgenommen hat, der muss sich nur diese Geschichte vor Augen führen, denn: Es ist nie zu spät, sich zu ändern. 

„I don’t know what to do!“ cried Scrooge, laughing and crying in the same breath; and making a perfect Laocoon of himself with his stockings. „I am as light as a feather, I am as happy as an angel, I am as merry as a school-boy. I am as giddy as a drunken man. A merry Christmas to every-body! A happy New Year to all the world!

Dickens: A Christmas Carol

Und damit wünsche ich allen ein frohes, gesundes, glückliches und erfülltes neues Jahr 2021. 

8 von 150 Büchern ✓

7. Bram Stoker – Dracula (1897)

Ausgabe: Bram Stoker: Dracula. Deutsche Übersetzung von Stasi Kull. London, 1897. (Anaconda Verlag GmbH Köln).

Anzahl der Seiten: 502

Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):

Der englische Rechtsanwalt Jonathan Harker reist nach Transsylvanien, wo er mit einem gewissen Graf Dracula Geschäfte abwickeln soll. Während seines Aufenthaltes dokumentiert er alles in seinem Tagebuch. Jonathan wird in Draculas Schloss beherbergt, in dem sich schon bald merkwürdige Dinge ereignen. Ihm wird schnell klar, dass er ein Gefangener des Grafen ist, welcher alles andere als menschlich zu sein scheint. Jonathans Lage scheint ausweglos. Der Graf lässt ihn zurück und macht sich auf einem Schiff auf den Weg nach England.

Jonathans Verlobte Mina Murray sorgt sich in deren Heimat bereits um den Verbleib ihres Gatten und schreibt ihre Gedanken in Form von Tagebucheinträgen oder Briefen an ihre beste Freundin Lucy Westenraa nieder. Diese wird von drei Herren umworben: Lord Arthur Holmwood, mit dem sie sich letztendlich verlobt, dem Amerikaner Quincey Morris und Dr. Jack Seward. Letzterer ist Direktor einer Irrenanstalt und berichtet in phonografischen Aufnahmen von seinem außergewöhnlichen Patienten Renfield, der zu halluzinieren scheint und sich von selbst gefangenen Insekten ernährt.

Mina besucht Lucy in Whitby, einem malerischen Küstenort. Eines nachts zieht ein Unwetter über dem Städtchen auf. Die Zeitung berichtet am Tag darauf von einem Schiff namens Demeter, welches in dieser unheilvollen Nacht in den Hafen eingelaufen war. An Bord befanden sich nur ein toter Steuermann und ein paar Kisten voller Erde. Bei Ankunft wurde ein mysteriöser schwarzer Hund gesichtet, der vom Schiff sprang und ins Landesinnere floh. Schließlich sind auch Ausschnitte aus dem Logbuch der Demeter abgedruckt, die von seltsamen und unheimlichen Vorfällen während der Überfahrt von Varna nach Whitby berichten.

Kurz darauf erzählt Mina von einer Nacht, in der Lucy im Schlaf aus ihrem Bett verschwunden war und sie nach ihr suchte. Sie fand sie schließlich auf einer Bank liegend, während sich ein dunkles Wesen mit bleichem Gesicht und rot glühenden Augen über sie beugte. Lucy erinnert sich nicht an den Vorfall. Sie schlafwandelt von da an häufiger, aber die verschlossene Tür hindert sie daran, das Haus zu verlassen. In einer Nacht entdeckt Mina vor dem Fenster eine große Fledermaus. Auch bemerkt sie Wunden an Lucys Hals, hält diese aber für Verletzungen von einer Sicherheitsnadel. Lucy wird täglich blasser und schwächer.

Endlich erhält Mina Nachricht von Jonathan, der im Krankenhaus wegen einer vermeintlichen Hirnhautentzündung behandelt wird. Sie besucht ihn und die beiden vollziehen ihre Trauung im Krankenhaus.

Dr. Seward dokumentiert in einem weiteren phonographischen Bericht, Renfield rede im Wahn von „seinem Meister“ und fliehe häufiger nachts auf das Grundstück nebenan, zur Kapelle von Carfax, wo er nach diesem ruft.

Lucys Zustand verschlechtert sich immer weiter. Deshalb bittet ihr Verlobter Arthur Holmwood Dr. Seward um Hilfe. Auch dieser kann nicht herausfinden, was ihr fehlt und er wendet sich an seinen „alten Freund und Lehrer“ Professor van Helsing.

Van Helsing führt an Lucy eine Bluttransfusion durch und Dr. Seward hält die nächsten Nächte Wache, während sie schläft. Sie stellen Veränderungen an Lucy fest, wie bleiche Haut, rote Lippen, spitzere Zähne und Bissmale am Hals. Dank Knoblauch überall im Zimmer und einer weiteren Bluttransfusion scheint Lucy aber nun endlich wieder ganz gesund zu werden.

Die örtliche Zeitung berichtet von einem Wolf, der aus dem Zoologischen Garten entflohen ist. Dieser bricht nachts in Lucys Zimmer ein. Als Dr. Seward und van Helsing am nächsten Tag in das Haus kommen, finden sie Lucy halbtot im Bett. Sie schaffen es zwar vorerst mit Brandy und einer weiteren Transfusion sie wieder aufzupäppeln, aber schließlich stirbt sie doch.

Als Mina und Jonathan in London unterwegs sind, entdeckt Jonathan plötzlich auf der Straße den Grafen. Er ist zutiefst schockiert und aufgewühlt, denn dies beweist ihm, dass er sich die Erlebnisse auf dem Schloss nicht nur eingebildet hat. Als Mina erfährt, was Jonathan dort erlebt hat, glaubt sie es aber erst einmal nicht.

Van Helsing nimmt Kontakt zu Mina auf und sie tauschen sich aus. Der Professor liest Jonathans Tagebucheinträge von seiner Zeit in Transsylvanien und macht Bekanntschaft mit ihm.

Van Helsing offenbart Dr. Seward seine Theorie zu Lucys Krankheit, aber der Doktor reagiert ungläubig. Um seinen Verdacht zu beweisen, überzeugt van Helsing ihn, sich nachts vor Lucys Gruft auf die Lauer zu legen. Sie entdecken, dass ihr Grab in dieser Nacht leer ist, sie jedoch am nächsten Tag wieder darin liegt. Nun unterbreitet van Helsing ihm, Quincey und Arthur den Vorschlag, Lucys Sarg zu öffnen und ihren Kopf abzuschneiden. Alle sind entsetzt und empört, stimmen dann aber doch zu, zumindest mit auf den Friedhof zu kommen. Dort sehen sie wie Lucy als Untote mit einem Kind auf dem Arm durch die Gräber wandelt und sind überzeugt. Sie bringen das Kind in Sicherheit und gehen am nächsten Tag noch einmal gemeinsam zur Gruft. Arthur wird derjenige sein, der Lucy Frieden und Erlösung schenkt.

Mina besucht van Helsing und Dr. Seward in der Anstalt. Sie überträgt Dr. Sewards Tonaufzeichnungen auf ihre Schreibmaschine und dieser liest das Tagebuch Jonathans. So tragen sie all ihr Wissen zusammen. Sie erkennen, dass die Kapelle von Carfax, das Nachbarhaus der Anstalt, ein Versteck des Grafen ist und verstehen, dass es eine Verbindung zwischen dem Insassen Renfield und dem Grafen geben muss.

Die Gruppe fasst noch einmal zusammen, was sie über den Ursprung des Vampirs, seine Verbreitung, seine Fähigkeiten und seine Schwächen weiß. Alle schließen den feierlichen Bund, Dracula zu vernichten. Die Männer wollen allerdings Mina von nun an aus den geplanten Aktionen heraus halten, um sie zu schützen.

Die Gruppe geht gemeinsam in die Kapelle von Carfax. Dort stellen sie fest, dass schon ein paar der Kisten des Grafen fehlen.

Mina wird währenddessen vom Grafen, der sich in Form von Nebel ins Zimmer gestohlen hat, gebissen, was aber erst einmal unbemerkt bleibt.

Jonathan forscht weiter nach dem Verbleib der Kisten. Es wird klar, dass der Graf sie ins Ausland verschiffen will, um überall eine Zufluchtsstätte zu haben. Die Gruppe nutzt Arthurs Adelsstatus, um sich Informationen über den Kauf von der Kapelle von Carfax zu verschaffen.

Renfield wird plötzlich stark verletzt in seiner Zelle aufgefunden. Als Renfield von dem vorangegangenen Ereignis erzählt wird klar, dass der Graf es war, der ihn so zugerichtet hat. Er verrät den beiden auch, dass Mina gebissen wurde. Daraufhin stürmen sie in Minas Zimmer und entdecken Jonathan verletzt auf dem Bett. Der Graf steht vor Mina und lässt sie von seinem Blut trinken. Als die Männer aus Minas Zimmer zurückkehren, ist Renfield bereits tot.

Mina teilt dem Professor mit, dass er sie hypnotisieren muss, damit sie sich gedanklich mit dem Grafen verbinden und ihnen so Auskunft geben kann. Auf diese Weise erfahren sie, dass der Graf bereits in seiner Kiste auf einem Schiff liegt um in seine Heimat Transsylvanien zurückzukehren. Die Gruppe plant, ihm zu folgen und ihn ein für alle mal zu besiegen.

Also reisen alle mit dem Zug nach Varna in Rumänien. Minas Aussagen aus der Hypnose ist zu entnehmen, dass der Graf sich immer noch auf dem Schiff Czarina Catharina befindet. Von Varna aus nehmen sie den Zug nach Galatz, da sie vermuten, dass der Graf wieder auf sein Schloss zurückkehren wird. Nach der Ankunft in Galatz sprechen die Männer mit dem Kapitän und dem Auftraggeber, um den Vorgang zu rekonstruieren und finden heraus, dass sich Graf noch immer auf dem Wasser befinden muss. Mina schlussfolgert, dass er auf einem Fluss zu seinem Schloss transportiert wird. Die Gruppe will den Grafen verfolgen, um ihn dann bei seiner Ankunft töten zu können. Dr. Seward und Quincey Morris reiten die Strecke, Arthur und Jonathan fahren mit einem Dampfboot über den Fluss und Mina fährt mit Professor van Helsing per Kutsche zu Schloss Dracula. Alle sind mit Waffen ausgerüstet.

Kurz vor Sonnenuntergang sehen sie den Grafen in seiner Kiste heran nahen. Er wird in einer Kutsche von Zigeunern transportiert. Auch Quincey und Dr. Seward nähern sich und etwas später Jonathan und Arthur. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, da sie den Grafen noch vor Sonnenuntergang töten müssen.

Die Männer umzingeln die Zigeuner und bedrohen sie mit ihren Gewehren. Es folgt ein Kampf, bei dem Quincey stark verletzt wird. Schließlich aber schaffen sie es im letzten Moment, als der Graf gerade erwacht, ihm die Kehle durchzuschneiden und ein Messer in sein Herz zu stoßen. Er zerfällt zu Staub. Die Zigeuner fliehen und der verwundete Quincey stirbt noch an Ort und Stelle.

Es folgt eine kurze Notiz von Jonathan. Er berichtet sieben Jahre nach den Ereignissen, dass er und Mina einen Sohn bekommen haben, der an Quinceys Todestag geboren und nach ihm benannt wurde. Arthur und Dr. Seward sind inzwischen glücklich verheiratet und Professor van Helsing ist noch immer ein guter Freund von Jonathan und Mina. Da ihre gesammelten Unterlagen nicht als Beweis ausreichen, haben sie beschlossen nicht mit der Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Leseeindrücke:

Zugegeben – es ist nicht die Lektüre, die am besten in die Weihnachtszeit passt. Geplant war der Post pünktlich zu Halloween, aber wie das immer so ist, kommen hundert Sachen dazwischen. Dafür wird der nächste Post aber klassisch-weihnachtlich mit Charles Dickens‘ „Eine Weihnachtsgeschichte“. Hoffentlich nicht erst im neuen Jahr.

Aber nun zu „Dracula“. Für mich war dieser Roman von allen Lektüren dieses Jahr mein Favorit. „Dracula“ war spannend, unterhaltsam und überraschend kurzweilig. Und das obwohl die Geschichte mir, wie wahrscheinlich auch den meisten von euch, bereits durch verschiedene Filme bekannt war.

Durch die Mischung aus Tagebucheinträgen, Zeitungsartikeln, Logbüchern und verschriftlichten Phonographenaufnahmen der verschiedenen Charaktere bekommt der/die Leser_in einen abwechslungsreichen Rundum-Einblick in das Geschehen. Es gelingt dem Autor dadurch auch die Spannung über die Erzählung hinweg aufrecht zu erhalten. Lediglich gegen Ende geht diese ein wenig verloren und der finale Showdown, bei dem der grauenhafte Graf Dracula endlich besiegt wird, hätte für meinen Geschmack spektakulärer sein können.

Die Erzählung ist ein gelungener Mix aus Fantasy/Horror und Kriminalroman. Der Bösewicht muss, wie auch im Krimi, gefasst werden, es werden Ermittlungen angestellt, ein Täterprofil erstellt und schließlich gibt es sogar eine Verfolgungsjagd.

Dann überwältigte mich das Grauen: neben meinem Bett, als sei er aus dem Nebel heraufgestiegen, oder besser, als hätte der Nebel seine Gestalt angenommen, stand ein großer, schlanker Mann, ganz in Schwarz gekleidet. Ich erkannte ihn sofort […]. Das wachsbleiche Gesicht, die hohe Adlernase, deren schmaler Rücken sich wie ein scharfes, weißes Band vom Gesicht abhob; die geöffneten roten Lippen, zwischen denen die scharfen, weißen Zähne hervorschimmerten; die roten Augen, die ich damals bei Sonnenuntergang bei der Marienkirche in Whitby gesehen zu haben vermeinte. […] ich wollte schreien, aber ich war vollkommen gelähmt.

Stoker: Dracula. S.381-382

Verschiedene Gegensätze werden im Roman gegeneinander ausgespielt. Zum einen haben wir Inland (England) gegen Ausland (die Heimat Draculas in Rumänien). Der Graf ist eine Bedrohung, die von außen in das Land einbricht, wie es Eroberer zu Kriegszeiten taten. Ob hier eine bestimmte Angst der damaligen Zeit verwoben wurde, bleibt aber Spekulation. Eindeutig auf eine Angst des (christlichen) Menschen zurückzuführen, sind aber die dunklen Mächte, die direkt aus der Hölle zu stammen scheinen; Dämonen voller Durchtriebenheit und Wollust, welche eine Bedrohung für Reinheit, Tugendhaftigkeit, Unschuld und Seelenfrieden über den Tod hinaus darstellen. Die Geschichte bietet viele Ausgangspunkte und spannende Themen für weiterführende Interpretationen. Doch das würde hier den Rahmen sprengen.

Die Figuren:

Der heimliche Star und Hauptsympathieträger der Geschichte ist Professor van Helsing, der mit seinem Wissensschatz und seiner Lebenserfahrung immer wieder die Lage durchblickt und die entscheidenden Einfälle hat. Es wurde bereits vermutet, der Autor habe sich ein wenig selbst in dieser Figur porträtiert. Die beiden teilen sich schließlich auch den selben Vornamen (Abraham Van Helsing – Abraham (Bram) Stoker).

Frauenfiguren gibt es nicht allzu viele in „Dracula“. Auch hier gibt es aber wieder zwei Gegensatzpaare. Da sind die Mätressen Draculas; wollüstige, verführerische und grausame Femme Fatales und Mina, Jonathans tugendhafte, kluge und loyale Frau, die durch ihre Intelligenz und ihren Ideenreichtum maßgeblich für den Erfolg der Truppe ist. Ihr Einfall ist es, die Texte abzutippen, zusammenzutragen und somit den Wissensschatz bereitzustellen, der nötig ist, um den Grafen durchschauen und ausfindig machen zu können. Zudem kennt sie die Zugfahrpläne auswendig und schafft durch die Hypnose eine wichtige Verbindung zu Dracula.

Ihre Freundin Lucy ist das erste Opfer des Vampirs. Zu Beginn unbekümmert, keck und von allen Männern umschwärmt und später eine blutrünstige Untote, vollzieht sie den Wandel von einer lebensfrohen jungen Frau, zu einer von Draculas Kreaturen und schließlich zu einer seligen Toten.

Verfilmungen:

Natürlich habe ich mir nach der Lektüre noch einmal die Filmadaptionen des Romans angeschaut (nicht alle, dafür sind es zu viele). Ich liebe es, Buch und Film zu vergleichen und zu sehen, wie der Stoff der Lektüre umgesetzt wurde.

In Francis Ford Coppolas Verfilmung von 1992 bekommt der finstere Graf Dracula eine dramatische Backgroundstory, eine tragische Liebesgeschichte, verpasst, die sein bösartiges Wesen erklärt und ihm menschliche Eigenschaften verleiht. Er handelt hier vor allem aus Sehnsucht und Liebe, während er in Stokers Roman ein seelenloses Monster ist. Dort ist er in seinem Verhalten und seinen Instinkten viel eher tierisch, als menschlich; ein dämonisches Wesen, das alles Böse in sich verkörpert. Darin liegt für mich ein entscheidender Unterschied, denn in der Popkultur scheinen Vampirfiguren generell immer wieder zwischen Monster und Mensch hin und hergerissen zu sein. Man denke zum Beispiel an „Twilight“, bei dem der Vampir Edward sich unsterblich in ein menschliches Mädchen verliebt und die ursprünglichen „vampirischen“ Eigenschaften als ausgedachte Klischees bezeichnet. Oder „Interview mit einem Vampir“, in dem der Untote Probleme mit seinen mörderischen Trieben hat und sein Dasein selbst als Fluch erlebt. Der „Original“-Graf Dracula weist jedoch keine dieser menschlichen Befindlichkeiten auf. Er ist durch und durch ein grauenhaftes Monster.

Ein weiterer Unterschied zwischen Roman und Verfilmung – die Verfilmung bietet erheblich mehr Sex. Was im Roman allerhöchstens angedeutet wird, wird im Film auf die Spitze getrieben. Die unschuldige, süße Lucy erscheint im Film flirty und kokett, genießt die geballte männliche Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, liest das Kamasutra und geizt nicht mit ihren Reizen. Nackte Haut ist im Film eher Regel als Ausnahme. Auch wenn die Vorlage das scheinbar nicht explizit hergibt, so ist das Sexuelle doch durchaus im Roman verankert. Allein die Stelle, an der Graf Dracula Mina gefügig macht und sie an seine Brust drückt, damit sie daraus sein Blut trinkt… das lässt sich schon zweideutig lesen. Andererseits ist es auch keine Neuheit, dass Hollywoodfilme nur zu gerne von dem Motto „Sex sells“ Gebrauch machen.

Wer „Dracula“ einmal etwas weniger ernst und düster erleben will, dem empfehle ich Mel Brooks Dracula – Tot aber glücklich von 1995 mit Leslie Nielsen als Graf Dracula. In meinen Augen ein Klassiker und sehr unterhaltsam.

Anfang diesen Jahres ist übrigens auch eine Serie über Dracula erschienen. Das Drehbuch stammt von den selben Autoren wie die Serie „Sherlock“, was für mich heißt, dass ich sie unbedingt bald mal schauen sollte.

Bram Stoker’s Dracula (1992)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: James V. Hart

Dracula – Tot aber glücklich (1995)

Regie: Mel Brooks

Drehbuch: Mel Brooks, Rudy De Luca, Steve Haberman

Dracula (Serie) (2020)

Regie: Jonny Campbell, Paul McGuigan, Damon Thomas

Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat

Aktueller Bezug:

Es ist toll, sich in Bücher flüchten zu können, um der Realität für ein paar Augenblicke entgehen zu können. Vor allem wenn diese so aussieht wie in diesem Jahr. Aber manchmal kann es auch helfen, Bezüge herzustellen und auf diese Weise Hoffnung zu schöpfen.

Als ich „Dracula“ gelesen habe, befand ich mich in häuslicher Quarantäne. Zwei Wochen das Haus nicht verlassen zu können, da fühlt man sich schon wie eine Gefangene. Gefangen war auch Jonathan Harker. Nur, dass dieser nicht in einem Reihenhaus, sondern einer abgelegenen alten Burg voller Monster eingesperrt war. Er schrieb Briefe an seine Verlobte Mina, ich schrieb Whatsappnachrichten. Jonathan musste um sein Leben bangen und wäre beinahe einem blutsaugenden Ungeheuer zum Opfer gefallen. Ich hoffte nur, nicht am Coronavirus erkrankt zu sein. Auch wenn oder gerade weil Jonathans Lage sehr viel schlimmer war als meine, wir aber das Eingesperrtsein gemeinsam hatten, fühlte ich mich mit ihm verbunden und freute mich zu lesen, dass er es schaffte, aus dem Schloss zu entkommen. Natürlich freute ich mich noch mehr, nach zwei Wochen und einem negativen Testergebnis selbst wieder raus gehen zu können.

Ein krankmachendes, manchmal sogar tödliches Ungeheuer, das sich über Landesgrenzen hinweg überall ausbreitet und Unheil über jeden bringt, der ihm begegnet, schwer zu fassen und schwer zu bekämpfen ist – das beschreibt sowohl Graf Dracula, als auch das Virus. Der Graf wird am Ende besiegt. Warum soll es nicht auch dem Virus so ergehen?

Wer ist euer Lieblingsvampir der Film- und/oder Literaturgeschichte? Oder allgemeiner, wer ist euer Lieblingsmonster?

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