
Ausgabe: Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Stuttgart, 1979.
Kurze Zusammenfassung (Achtung, Spoiler!):
Bastian Balthasar Bux ist ein pummeliger, blasser und unsportlicher Junge von zehn oder elf Jahren. Seine Mutter ist vor einiger Zeit verstorben und sein Vater seitdem freudlos und distanziert. Auf dem Weg zur Schule wird er von ein paar Mitschülern verfolgt und rettet sich kurzerhand in eine Buchhandlung. Dort entdeckt er ein Buch, welches eine ungewöhnliche Wirkung auf ihn hat und nimmt es heimlich mit. Mit dem Buch, das den Titel Die unendliche Geschichte trägt, versteckt er sich auf dem Dachboden seiner Schule und beginnt zu lesen. Wir als Lesende tauchen nun mit Bastian in die Handlung des Buches ein. Dort machen sich gerade unterschiedliche Wesen des Reiches Phantásien auf den Weg zu einer Konferenz, denn ihre Herrscherin, die kindliche Kaiserin ist erkrankt und zugleich breitet sich ein mysteriöses Nichts im Land aus. Um eine Heilung für die kindliche Kaiserin zu finden, wird Atréju, ein Junge vom Stamm der Grünhäute ausgesandt. Bei sich trägt er das Zeichen der Kindlichen Kaiserin Auryn, das ihm eine besondere Autorität und Macht unter den Wesen Phantásiens verleiht. Seine Reise führt ihn an verschiedene Orte und er lernt den Glücksdrachen Fuchur kennen, welcher von dort an sein ständiger Begleiter wird. Beim Besuch eines Orakels erfährt Atréju, dass die kindliche Kaiserin einen neuen Namen braucht, den ihr nur ein Menschenkind geben kann. Dieses Menschenkind ist der kleine Bastian, der noch immer auf dem Schuldachboden sitzt und liest. Er traut sich aufgrund seiner äußeren Erscheinung und seines Mangels an heldenhaften Eigenschaften nicht, nach Phantásien zu kommen. Schließlich besinnt er sich, ruft den Namen der kindlichen Kaiserin Mondenkind und gelangt dadurch nach Phantásien. Allerdings ist er dort nicht mehr der pummelige und unsportliche Junge, sondern hat das Äußere eines edlen Prinzen. Mondenkind verschwindet und Bastian bekommt von ihr das Auryn übertragen. Das Medaillon trägt die Inschrift Tu, was du willst, was Bastian allerdings nicht zu deuten weiß. Durch das Wünschen kommt er von einem Ort und von einem Erlebnis zum anderen. So wünscht er sich Eigenschaften an wie Schönheit, Mut und Stärke. In der Silberstadt Amargánth trifft er schließlich auf Atréju und Fuchur und führt seine Reise mit ihnen zusammen fort. Doch seine neue Macht steigt ihm schnell zu Kopf und sein Charakter verdirbt allmählich. Zugleich vergisst er mit jedem sich erfüllenden Wunsch einen Teil seines früheren Lebens in der Menschenwelt und verliert sich immer mehr. Entgegen der Ratschläge Atréjus und Fuchurs wünscht er sich auch nicht, wieder in seine Welt zurückzukehren. Das ist aber notwendig, damit er die Menschenwelt und Phantásien wieder gesund machen kann. Bastian erliegt immer mehr seinem Größenwahn, möchte sogar den Kaiserthron erobern und führt schließlich Krieg gegen seine Freunde. Endlich folgt aber die Besinnung, als er in der Alten Kaiserstadt die Konsequenzen vorgeführt bekommt, die ihn erwarten, wenn er den Weg in seine Welt nicht zurückfindet. Darauf folgt eine einsame und stille Suche nach sich selbst, die ihn zu verschiedenen Orten führt, an denen er wiederum etwas Neues über sich lernt. So wird er im Änderhaus von der Dame Aiuóla bemuttert und findet in einem Bergstollen aus Bildern eine Erinnerung an seinen Vater wieder. Auch sein Wesen verändert sich: Er wird bescheidener und reflektiert sein Handeln. Als das Vorhaben in sein eigentliches Leben zurückzukehren bereits aussichtslos scheint, helfen ihm Atréju und Fuchur zu den Wassern des Lebens zu kommen, von wo aus er endlich den Weg zurück in seine Welt gehen kann. Dort schließt ihn sein vor Sorge kranker Vater in die Arme.
Leseeindrücke:
Ich habe das Buch zufälligerweise zeitgleich mit meiner Schwester gelesen, sodass wir uns darüber austauschen konnten. Wir waren uns beide einig, dass uns der Roman auch als Kind sehr gut gefallen hätte, denn Ende hat hier eine unglaublich fantasievolle Welt voller wundersamer Kreaturen und Landschaften geschaffen. Zugleich ist die Erzählung durchaus komplex und dicht an interessanten Aspekten, Referenzen und philosophischen Ansätzen. Das macht sie auch für Erwachsene zu einer lohnenden Lektüre. Beispielsweise befinden wir als Leser uns auf einer Metaebene, während wir die Geschichte lesen, die wiederum von Bastian gelesen wird und sich unendlich fortschreibt. Auch ist die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, wie sie auf dem Zeichen Auryn zu sehen ist, ein altes ägyptisches und alchemistisches Symbol.[1]
Bastian wird in der Geschichte zum Schöpfer der Welt, wo er durch seine eigene Fantasie und Wunschkraft nach Belieben Wesen, Länder und Landschaften erschaffen sowie die Handlung durch sein Wünschen selbst mitbestimmen kann. Das geschieht auch über den Aspekt des Erzählens, das Ausdenken von Geschichten, was wiederum eine schöne Metapher für das fiktive Schreiben ist. „Die 26 Buchstaben des Alphabets bilden Wörter, die Wörter Sätze und aus ihren Kombinationen entstehe der unendliche Vorrat der Poesie. Als prototypische Geschichte aller Geschichten erzählt »Die unendliche Geschichte« das Herzstück jeder romantischen Poesie, die untrennbare Verbindung von Phantasie und Wirklichkeit“, schreibt Literaturwissenschaftler Hans Brittnacher.[2] Doch das Werk sei nicht allein ein „Pladoyer für die Flucht aus einer unwirklichen Realität in das gelobte Land der Phantasie“ und die Phantasie werden hier nicht als Allheilmittel propagiert. Vielmehr warne der Roman auch vor „der Verwechslung von Realität und Phantasie am Beispiel Bastians, der die Rückkehr aus seinen Träumen zu verpassen droht.“ Bastians Odyssee in der Welt Phantásiens sei zugleich eine leidvolle Queste, die ihm das Scheitern maßloser Phantasien vor Augen führe, wieder mit sich selbst versöhne und den Heimweg in die Wirklichkeit wiederfinden lasse.
„Nur ruhig, kleiner Narr“, knurrte der Werwolf, „sobald die Reihe an dich kommt, ins Nichts zu springen, wirst auch du ein willenloser und unkenntlicher Diener der Macht. Wer weiß, wozu du ihr nützen wirst. Vielleicht wird man mit deiner Hilfe Menschen dazu bringen, zu kaufen, was sie nicht brauchen, oder zu hassen, was sie nicht kennen, zu glauben, was sie gefügig macht, oder zu bezweifeln, was sie erretten könnte. Mit euch, kleiner Phantásier, werden in der Menschenwelt große Geschäfte gemacht, werden Kriege entfesselt, werden Weltreiche begründet…“
Ende: Die unendlicher Geschichte, S.144.
Wie der Avatar in einem Videospiel ist Bastian beim Eintritt ins Reich Phantásien ein nobler Prinz, der an Stärke und Mut seines gleichen sucht. Am Schluss der Geschichte ist er jedoch wieder Bastian und konnte seine Sehnsucht nach einer anderen Version seiner selbst überwinden und sich so annehmen, wie er ist. „Lektüre und Lebenserfahrung sollen Bastian zu einem Menschen reifen lassen, der sich und sein Schicksal annimmt, weil er die verhängnisvolle Trennung von Realität und Phantasie überwindet.“ So stelle sich das Happy-end nicht mehr durch den Beistand höherer Mächte her, sondern sei das Ergebnis einer leidvollen Erfahrungen abgewonnenen und in die Tat umgesetzten Erkenntnis.
Damit lässt sich Handlung leicht mit der eines Road-Trip-Movies vergleichen, gleichzeitig orientiere das Werk „an bedeutenden Mustern der abendländischen Literaturgeschichte (Odyssee, Ritteraventiure, Bildungsroman).“
In einer Zeit als „Wirtschafts- und Wachstumskrisen, die Zerstörung der natürlichen Umwelt und die Gefahren der Atomkraft werden immer sichtbarer“ wurden und „im Deutschland der 80er Jahre Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel“ gestiegen seien und „die Angst vor einem Krieg“ gewachsen sei suchten „immer mehr Menschen […] nach neuen Werten, Lebens- und Überlebensmöglichkeiten“, so Brittnacher. „Diese desolate Stimmung der Zeit ließ Michael Ende zum Propheten werden, zum Warner vor den bedrohlichen Folgen eines sich absolut setzenden rationalen Denkens, vor Seelenlosigkeit, Monotonie und Leistungsethik.“ Aus dieser Motivation ergebe sich in Die unendliche Geschichte die „Empfehlung, mit Selbstfindung, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung als vorbildlichen individuellen Lebensmustern die Schäden der Zivilisation zu beheben.“
Zur optischen Gestaltung lässt sich noch sagen, dass die Schrift je nach Erzählebene (ob in Bastians Welt oder in Phantásien) entweder rot oder grün gefärbt ist und dass jedes Kapitel chronologisch mit einem Anfangsbuchstaben aus dem Alphabet beginnt. Leider haben mir die Illustrationen in meiner Ausgabe weniger gut gefallen. Es gibt allerdings die Ausgabe von 2019, ebenfalls im Thienemann-Verlag erschienen, die bezaubernde Illustrationen von Sebastian Meschenmoser enthält.
Meiner Meinung nach zu empfehlen sind auch Der Wunschpunsch und Momo.
[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ouroboros
[2] Dieses und weitere Zitate und Parapharasierungen entstammen dem Werk Hans Brittnacher: Vom Zauber des Schreckens. Studien zur Phantastik und zum Horror. Wetzlar, 1999.
Die Verfilmung:
Natürlich musste ich mir nach der Lektüre auch die (vor allem in den Staaten) populäre Verfilmung von 1984 anschauen. Diese deckt leider nur die erste Hälfte des Romans ab, die zweite Hälfte wird dann zum Teil in der Fortsetzung aufgegriffen. Das ist aber nicht der einzige auffallende Unterschied zum Roman.
Zuerst einmal ist Bastian im Film kein pummeliger Außenseiter, sondern ein hübscher und schlanker kleiner Junge. Grundsätzlich fand ich die Kinderdarsteller, insbesondere Atréju aber passend besetzt. Des weiteren wurde die Handlung trotz deutscher Produktion in die Staaten verlegt.
Der Autor selbst hat scharfe Kritik an der Verfilmung geübt und lange erfolglos versucht, diese zu stoppen.[1] Deshalb taucht auch sein Name nicht in den Credits auf.
Mag die Technik des Filmes für damalige Verhältnisse noch beeindruckt haben, wirkt sie auf den heutigen Betrachter eher dürftig. Gleichzeitig entsteht durch die offensichtliche Künstlichkeit auch eine ganz eigene Ästhetik, wie sie vielen Fantasy-Filmen aus der Zeit zu eigen ist (vgl. auch DDR-Märchenverfilmungen). Diese entsteht neben der Artifizialität auch durch die langsameren Aufnahmen und Schnitte sowie die VistaVision-Farbgebung. Die Atmosphäre im Film gewinnt dadurch einen surrealistischen Charme. Es wäre sicher spannend, eine Neuverfilmung mit den heutigen technischen und filmischen Möglichkeiten zu sehen, aufgrund des Rechtsstreits wird es aber wohl in absehbarer Zeit eher kein Remake geben.
[1] https://michaelende.de/autor/biographie/das-unendliche-filmdebakel
13 von 150 Büchern ✓











